Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des Kanzlers zu erbitten, den dieser mit einer nachlässigen Handbewegung erteilte. Er kam verstört in seine Herberge und trat in die Kammer, in welcher Heriman, der Goldschmied, lag, der von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft hatte Immo während der Belagerung in der Hütte des Kranken gesessen und dem klugen Landsmann vertraut, was ihm auf der Seele lag, jetzt setzte er sich bleich und erschöpft neben ihn. »An einem Tage habe ich alles verloren, worauf ich hoffte, und wenn ich von hier weiche, wie ich soll, so nehme ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch vermag ich das Land nicht zu räumen, bevor ich die Jungfrau wieder gesehen habe.«
»Ich bleibe zurück,« versetzte Heriman tröstend, »dir danke ich, Immo, daß ich lebe und meine Glieder wieder zu regen beginne. Diese Schuld zahle ich dir jetzt oder wann du verlangst. Besser vielleicht als du selbst, vermag ich dir zu nützen. Denn Kundschaft habe ich beim Könige und vielen Großen, und mancher Stolze beachtet in der Stille meine Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du hier, so wird es dein Verderben. Du läßt einen zurück, der ein wenig die Weise kennt, wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet. Noch ist die Jungfrau nicht geschleiert. Und was ich erfahre, Günstiges oder Ungünstiges, das sollst du wissen.«
Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach und dieser gern seinen Worten lauschte, scholl in der Haustür und auf der Straße ein wirres Getön von Pfeifen, Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder mißtönender Lärm von allerlei Weisen, welche durcheinander klangen, von Gelächter und trunkenem Geschrei. Immo eilte die Treppe hinab. Im Hausflur saß Brunico an der weit geöffneten Tür, eine Trinkkanne in der Hand, umgeben von seinen Bogenschützen, vor ihm aber auf der Schwelle und auf der Straße stand ein großer Haufe fahrender Spielleute, von denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner Kunst das Beste tat, so daß ein unordentliches und greuliches Getöse durch das Haus und über die Straße schallte. »Schneller,« trieb Brunico, »ihr zirpt wie die Mädchen, die zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette läuft, darf seinen Atem nicht sparen.« Von neuem begann das tolle Gefiedel und Geschrei. »Jetzt merkt auf,« mahnte Brunico lachend, »der schnellste fängt den Preis.« Er zog den goldenen Ring vom Armgelenk und hielt ihn in die Höhe, schleuderte ihn über die Köpfe der Spielleute in den Staub der Straße und rief: »So wirft der Bauer von Friemar den Armring des Königs.« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden nach dem Ringe, sie fielen und überschlugen sich in wirrem Knäuel, das Volk schrie, jauchzte und balgte sich mit den Unehrlichen, bis endlich einer der Spielleute den Goldschmuck faßte, emporhielt und schnellfüßig mit dem Preise entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: »Wie magst du eine wertvolle Gabe vergeuden, die dein Geschlecht und dein Mädchen lange erfreut hätte?« da antwortete Brunico: »Ich warf sie fort, damit sie mir nicht die Augen blenden sollte. Denn übel stände mir an, das Ehrengeschenk eines Königs zu tragen, der dich gekränkt hat, während er mir spendete.«
9.
Unter den Rößlein der Horsila.
Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden weideten auf den Stoppeln und die Jäger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald. Auch die Brüder Immos hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie waren gegen die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen, aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen und sie fanden nur die verkohlten Trümmer der niedergebrannten Höfe. Da waren sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren Landsleuten auf einen vergeltenden Zug für das nächste Frühjahr.
Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen und gerade über die Brücke eines Nachbardorfes ritten, fanden sie den Weg durch Gedränge der Einwohner gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus den Höfen, einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde der Brüder fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen, und Erwin hatte Mühe, die Zerrenden an ihren Riemen zurückzuhalten.
»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden,« rief Ortwin, und schneller trabten die Rosse. Die Dorfleute machten den Jünglingen grüßend Platz, und diese fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr gekleidet und von einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das Saitenspiel bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes und in großem Kreise alt und jung mit aufgerissenen Augen, Verwunderung und helle Neugierde in den Gesichtern. »Sei gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer deine Pferde betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt hast.« Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere findet auch ein armer Spielmann etwas Gutes,« versetzte er stolz.