»Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist,« sagte Lenore und blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.
Das war ein großer Abend im Kränzchen. Anton war bis zum Cotillon von einem Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rührender Vertraulichkeit behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem farbige Schleifen an die Herren ausgetheilt wurden, wurden die Klappen seines Fracks von oben bis unten besteckt, und er sah aus, wie der bunteste Hofmarschall des Continents.
Aber noch Größeres begab sich. Die Partei der Grünen drohte zu zerfallen. Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur mit den Braunen. Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde an der Seite des Nußknackers, welcher sie während eines Walzers mit ritterlicher Artigkeit, ja man muß sagen, mit Gefühl behandelte und dadurch in die allergrößte Verlegenheit setzte; Lenore hatte gar von den ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des Georg Werner und des kleinen Lanzau zu leiden, welche sämmtlich auf einmal zu der Ueberzeugung gekommen waren, daß Lenore ihrer ernsthaften Huldigungen nicht unwürdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von aufrichtiger Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und küßte beim Abschied Theone im überströmenden Gefühl auf beide Wangen. Und Frau von Werner setzte sich neben die Baronin Rothsattel, kündigte für die nächsten Tage ihren und ihrer Töchter Besuch an, bat um die Erlaubniß, ihren Georg mitzubringen, und sprach unaufhörlich davon, wie glücklich ihre Kinder noch im nächsten Sommer darüber sein würden, daß die Tanzstunde sie in ein so intimes Verhältniß zu Lenore gebracht habe. Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verändert. Mit Ausnahme der grünen Damen, welche über die Untreue ihrer Herren zürnten, war Alles in einer gemüthvollen, von Menschenliebe gleichsam überfließenden Stimmung, deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten diese die Veränderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck, die ernsthaften Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem Genuß ihres Glückes konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fühlten sie die Nadelstiche des bösen Gewissens, und um sie herum bewegte sich in weitem Kreise die furchtbare Gestalt Finks, des Wissenden. Durch ein Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber zerstören, der sie umgab. — Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen Theilnehmern am Tagebuch, erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: »Ist Fräulein Eugenie heut nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, daß sie gefühllos ist, aber diese kleine Unart wird sich möglicher Weise im Laufe der Jahre in eine ganz entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.«
Lenore sah ihn verlegen an. »Kommen Sie mit zu Theone Lara,« sagte sie endlich. »Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank,« rief sie dort, »wir Alle wollen ihn bitten, daß er über das Buch schweigt, wie er bis jetzt gethan.«
»Ich will mich dazu verpflichten,« versetzte Fink, »unter einer Bedingung. Ein Opfer muß ich haben. Ich muß die Dame erfahren, welche den Vers unter einen gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich muß Jemand haben, den ich hassen kann, von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte rede, Jemanden, der dafür bezahlt, daß Sie so leichtsinnig waren, die Documente Ihres scharfen Witzes in meine Hände fallen zu lassen. Nennen Sie mir die Eine, und ich gebe Ihnen freiwillig das Versprechen, daß ich gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuche citiren werde.«
In der Gruppe entstand eine ängstliche Bewegung, Jede fürchtete die Beute des rachsüchtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard, welche vor Schrecken erblich, und sagte eifrig: »Ich habe die Zeichnung gemacht und ich habe die Verse darunter meiner Freundin dictirt; da Sie's gesehen haben, so bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht thun; und wenn Sie jetzt die Absicht haben, sich an mir zu rächen, so werde ich Ihren Haß zu ertragen suchen.«
»Schön,« sagte Fink lächelnd, »ich werde mich rächen, ich werde Sie von heut ab hassen. Uebrigens ist mir angenehm zu erfahren, daß auch das vergänglichste aller Gefühle, Mädchenfreundschaft, die Unglücklichen, welche davon befallen werden, zu heldenmüthigen Opfern begeistern kann. — Ah, Fräulein Hildegard, finden Sie nicht, daß Benno Tönnchen ein herzensgutes Kind ist? Auch seine Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu voll, werden Sie sagen, aber gerade dies volle Wesen macht ihn und seine Familie so ansprechend.«
Die letzte Folge dieses glücklichen Abends war, daß auf einer neuen Conferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst Wohlfarts in außerordentlicher Weise zu belohnen. Nach längerer Ueberlegung wurde man einig, daß Theone gemeinschaftlich mit ihren Freundinnen eine prachtvolle Börse zu häkeln habe. Gleich am nächsten Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore wollte, um sich nicht auszuschließen, die Kunst zu häkeln eigens erlernen. Auch strahlte bereits die erste Kappe der Börse in Braun und Gold, als Ereignisse eintraten, welche die Vollendung hinderten.