»Und fordern Sie von einer Frau denselben Sinn?« frug Sabine.
»In der Hauptsache, ja,« erwiederte Fink. »Keine deutsche Hausfrau, die nicht in ihre Servietten verliebt ist. Je mehr eine von den Lappen hat, desto glücklicher ist sie. Ich glaube, sie taxiren einander in der Stille, wie wir die Leute an der Börse: fünfhundert, achthundert Servietten schwer. Die Amerikanerin ist kein schlechteres Weib, als die Deutsche, aber sie wird über eine solche Liebhaberei lachen. Sie hat, so viel ihr für den täglichen Gebrauch nöthig sind, und kauft neue, wenn die alten zu Grunde gehen. Wozu sein Herz an solchen Tand hängen, der Dutzendweise für etwa vier bis sechs Thaler in jeder Straße zu haben ist?«
»O es ist traurig, das Leben in ein solches Rechenexempel aufzulösen!« erwiederte Sabine. »Was man erwirbt und was man hat, verliert seinen besten Schmuck. Tödten Sie die Phantasie und unsere gute Laune, die auch den leblosen Dingen ihre freundlichen Farben verleiht, was bleibt dann dem Leben des Menschen? Nichts bleibt, als der betäubende Genuß, oder ein egoistisches Princip, dem er Alles opfert. Treue, Hingebung, die Freude an dem, was man schafft, das Alles geht dann verloren. Wer so farblos denkt, der kann vielleicht groß handeln, aber sein Leben wird weder schön, noch freudenreich, noch ein Segen für Andere.« Unwillkürlich faltete sie die Hände und warf einen Blick voll Trauer auf Fink, dessen Gesicht einen trotzigen und harten Ausdruck erhielt.
Die Collegen hatten bis jetzt der Unterhaltung in düsterm Schweigen zugehört und nur durch Mimik ihren Abscheu gegen Finks Behauptungen ausgedrückt. Der Geist des gemordeten Sperlings hob sich vor Aller Augen fortwährend über die Tischplatte neben Finks Stuhl, und sie starrten auf den Macbeth des Comtoirs, wie auf einen verlorenen Mann. Anton ergriff begütigend das Wort:
»Vor Allem muß ich bemerken, daß Fink selbst ein glänzendes Beispiel gegen seine eigene Theorie ist.«
»Wie so, Herr?« frug Fink, von der Seite auf Anton sehend.
»Das wird sogleich offenbar werden, ich will nur erst uns Alle zusammen loben. Wir Alle, die wir hier sitzen und stehen, sind Arbeiter aus einem Geschäft, das nicht uns gehört. Und Jeder unter uns verrichtet seine Arbeit in der deutschen Weise, die du so eben verurtheilt hast. Keinem von uns fällt ein zu denken, so und so viel Thaler erhalte ich von der Firma, folglich ist mir die Firma so und so viel werth. Was etwa gewonnen wird durch die Arbeit, bei der wir geholfen, das freut auch uns und erfüllt uns mit Stolz. Und wenn die Handlung einen Verlust erlitten hat, so ist es allen Herren ärgerlich, vielleicht mehr als dem Prinzipal. Wenn Liebold seine Ziffern in's große Buch schreibt, so sieht er sie mit Genuß an und freut sich über den schönen kalligraphischen Zug, und wenn er Posten einträgt, welche der Handlung besonders vortheilhaft waren, so lacht er in der Stille vor Behagen. Sehen Sie ihn an, wie er's jetzt thut.«
Liebold sah verlegen aus und rückte an seinem Hemdkragen.
»— Da ist ferner College Baumann, welcher in der Stille Neigung zu einem andern Beruf hat. Er brachte mir neulich einen Bericht über die Greuel des Heidenthums an der afrikanischen Küste und sagte in tiefster Seele erschüttert: »Es wird Zeit, Wohlfart, ich muß hin.« »Wer soll die Calculatur besorgen?« frug ich, »und wie soll es mit dem Krappgeschäft werden, das Sie und Balbus so fest halten, daß Sie keinen Andern darüber lassen?« »Ja,« rief Baumann, »an den Krapp hatte ich nicht gedacht. Ich muß es noch aufschieben.«