»Mit einiger Beschämung bekenne ich, daß ich selbst von dieser Freude nur wenig empfinde,« sagte Fink. »Ich weiß nicht recht, wo ich zu Hause bin. Wenn ich die Jahre meines Lebens zusammenzähle, so habe ich freilich den größten Theil in Deutschland verlebt, aber die mächtigsten Eindrücke hat mir die Fremde gegeben. Immer hat mich das Schicksal wieder ausgerissen, bevor ich irgendwo festgewurzelt war. Und jetzt in Deutschland fühle ich mich zuweilen fremd. Die Dialekte der Landschaften zum Beispiel sind mir fast ganz unverständlich. Ich habe zu Weihnachten immer mehr Geschenke erhalten, als mir gut war, aber der Zauber der deutschen Weihnachtsbäume hat mich nie berührt; von den Volksliedern, die Sie so rühmen, klingen nur wenige in mein Ohr; noch heut bin ich unsicher, wann man Karpfen essen muß, und Hörner und Mohnkuchen, und ich gestehe einen entschiedenen Mangel an Empfänglichkeit für die Reize des Bleigießens und Pantoffelwerfens. — Und außer diesen Kleinigkeiten giebt es noch Anderes, worin ich mich unter der deutschen Art fremd und arm fühle,« fuhr er ernster fort. »Ich weiß, daß ich zuweilen die Schonung meiner Freunde mehr als billig in Anspruch nehme. Ihrem Hause werde ich zu danken haben,« schloß er, sich gegen den Kaufmann verneigend, »wenn ich von einigen respectablen Seiten der deutschen Natur Kenntniß erhalte.«
Das war ein männliches Bekenntniß, er sprach die letzten Worte mit einem Gefühl, das selten bei ihm durchbrach. Sabine war glücklich, der Sperling war vergessen, sie rief mit überströmendem Gefühl: »Das war edel gesprochen, Herr von Fink.«
Der Diener lud zum Abendessen. Im Saal des Gartenhauses war die Tafel gedeckt. Der Kaufmann nahm in der Mitte Platz, Sabine lächelte, als Fink sich neben sie setzte. »Mir gegenüber, Herr Liebold,« rief der Prinzipal. »Heut muß ich Ihr treues Gesicht vor mir sehen. Heut sind's fünfundzwanzig Jahr, daß wir mit einander in Verbindung stehen. — Herr Liebold trat wenige Wochen vor dem Tage bei uns ein, an dem ich durch meinen Vater als Associé aufgenommen wurde,« erklärte er den Jüngeren. »Und wenn ich allen Mitgliedern des Comtoirs Anerkennung schuldig bin, Ihnen bin ich die größte schuldig. Fünfundzwanzig Jahre im Geschäft, zehn Jahre beim Hauptbuch, stets ein treuer, zuverlässiger Gehülfe!« Er hielt ihm sein Glas über die Tafel entgegen: »Stoßen Sie an, mein alter Freund; so lange unsere Stühle neben einander stehen, nur durch eine dünne Wand getrennt, soll es zwischen uns bleiben wie bisher, ein festes Vertrauen ohne viele Worte.«
Herr Liebold hatte die Anrede des Prinzipals stehend angehört und blieb stehen. Er wollte eine Gesundheit ausbringen, das sah Jeder, aber er brachte kein lautes Wort aus seinem Munde, er hielt sein Glas in die Höhe und sah auf den Prinzipal, und seine Lippen bewegten sich ein wenig. Endlich setzte er sich schweigend wieder hin. Statt seiner erhob sich zu Aller Erstaunen Fink und sprach in tiefem Ernst: »Trinken Sie mit mir auf das Wohl eines deutschen Geschäfts, wo die Arbeit eine Freude ist, wo die Ehre eine Heimath hat; hoch unser Comtoir und unser Prinzipal!«
Ein donnerndes Hoch der Collegen folgte, Sabine stieß mit Allen an, der Kaufmann kam Fink auf allen Wegen entgegen. — Der Rest des Abends war ungestörte Freude. Das Quartett sang noch ein Paar lustige Trinklieder, und es war heut lange nach zehn Uhr, als die Gesellschaft in der Stadt ankam.
An der Treppe des Hinterhauses sagte Fink zu Anton: »Heut, mein Junge, darfst du nicht an meiner Stube vorbei. Es ist mir langweilig genug gewesen, dich so lange zu entbehren.« Und bis spät in die Nacht saßen die versöhnten Freunde bei einander, beide bemüht, einander zu zeigen, wie froh sie über die Versöhnung waren.
Sabine trat in ihr Zimmer. Da überreichte ihr das Mädchen ein Billet von unbekannter Hand. Ein starker Moschusgeruch und die gekritzelten Züge verriethen, daß es von einer Dame kam.
»Wer hat den Brief gebracht?« frug Sabine.
»Ein fremder Mann,« antwortete das Mädchen, »er wollte den Namen nicht nennen und sagte, Antwort sei nicht nöthig.«
Sabine las: »Mein Fräulein, triumphiren Sie nicht zu früh. Sie haben durch Ihre Koketterie einen Herrn an sich gelockt, welcher gewöhnt ist, zu verführen, zu vergessen und die, welche auf seine Worte hören, unverschämt zu behandeln. Vor Kurzem hat er einer Andern Geständnisse gemacht, jetzt hat er Sie bethört. Er wird auch Ihnen heucheln und Sie verrathen.«