Fink sah vor sich nieder. Sabine lächelte mit leuchtenden Augen auf Anton. Wieder lächelten die Herren freundlich und rückten näher heran, die kleine Spannung war gehoben.
»Und,« fuhr Anton siegreich fort, »auch in andern Fällen hat er ganz dieselbe armselige Gemüthlichkeit, die er jetzt so angreift. Er liebt, wie wir Alle wissen, sein Pferd persönlich, es ist ihm durchaus etwas Anderes, als die Summe von fünfhundert Dollar, repräsentirt durch so und so viel Centner Fleisch mit einer Haut überzogen. Er ist besorgt um das Thier, wie um einen Freund.«
»Weil es mir Spaß macht.«
»Versteht sich,« sprach Anton, »die Servietten machen unsern Hausfrauen auch Spaß, das ist's ja eben. Und seine Condorflügel, die Pistolen, Reitpeitschen, die rothe Rumflasche, das sind Alles Dinge, die ihm so gut Spaß machen, wie einem deutschen Auswanderer sein Vogelbauer. Ja er hat mehr grillige Capricen und Liebhabereien, als wir. Um es kurz zu sagen, er ist in Wahrheit eben so sehr ein armer gemüthlicher Deutscher, als irgend Einer.«
Sabine schüttelte leise den Kopf, aber sie blickte jetzt freundlich auf den Amerikaner. Auch Finks Gesicht hatte sich verwandelt. Er sah ernst vor sich hin, und es lag etwas auf seinen stolzen Zügen, was man bei einem Andern Rührung genannt hätte. »Na,« begann er endlich, »das Fräulein und ich, beide haben wir zu sehr auf einer Seite gestanden.« Er wies auf den todten Sperling. »Vor diesem ernsten Fact strecke ich die Waffen und bekenne, daß ich den Wunsch habe, der kleine Herr wäre noch am Leben und erreichte unter den Kirschen und Kuchen der Firma das höchste Greisenalter. Und so sind Sie mir nicht mehr böse, Fräulein.«
Sabine nickte zu ihm herüber und sagte herzlich: »Nein.«
»Du aber, Anton, reiche mir deine Hand. Du hast mit Glanz plaidirt und von der deutschen Jury ein Nichtschuldig erschwindelt. Nimm die Feder und streiche in unserm Kalender vierzehn Tage aus. Du verstehst mich.« Anton drückte ihm die Hand und legte den Arm um seine Schulter.
Wieder war die Gesellschaft in der besten Stimmung, Herr Schröter kam heran, Cigarren wurden angezündet, Jeder bestrebte sich, so unterhaltend als möglich zu sein. Herr Liebold stand auf und erbat sich von dem Fräulein und dem Prinzipal die Erlaubniß, wenn es sie nicht störe, und wenn sie an dem schönen Abend nichts Besseres vorzuschlagen hätten, in welchem Falle er ergebenst bitte, seine Worte als ungesprochen zu betrachten, so wollten er und einige Collegen sich die Freiheit nehmen, vierstimmige Lieder zu singen. Da er seit mehreren Jahren an diesem Tage regelmäßig eine solche Mittheilung machte, und Alles darauf vorbereitet war, so rief ihm Sabine zu: »Das versteht sich, Herr Liebold, wenn das Quartett fehlte, wäre die Freude nur halb.« Die Sänger holten Notenbücher herzu und rückten zusammen, Herr Specht als erster Tenor, Herr Liebold als zweiter, Herr Birnbaum und Herr Balbus als Bässe. Diese vier bildeten den musikalischen Theil des Comtoirs und hielten trotz kleiner Zwistigkeiten, welche durch ihr musikalisches Naturell hervorgerufen wurden, gegen die Uebrigen fest zusammen, Herr Specht krähte etwas zu laut, und Herr Liebold sang etwas zu leise, aber ihr Publikum war dankbar, und der Abend war wunderschön. Im farbigen Licht glänzten die großen Blätter des Nußbaums vor dem Gartenhause, die Grillen schwirrten und die wilden Sänger der Bäume flöteten einzelne Noten herunter, die Natur selbst flüsterte und stimmte, bis die volle Kraft der Menschenstimmen einfiel und die feinen Laute des Gartens übertönte. Dann schwiegen die Vögel, die Heimchen und Mücken, aber so oft die Sänger anhielten, klang das leise Summen der Natur wie zum Wechselgesange wieder durch. Alle hörten erfreut zu. »Wir danken, wir danken!« rief Sabine, als sie aufhörten, und klatschte in die Hände.
»Es ist eine närrische Sache,« begann Fink, »daß eine gewisse Folge von Tönen das Herz erschüttert und Thränen hervorruft auch bei Menschen, welche sonst für weiche Stimmungen abgestorben sind. Jedes Volk hat solche einfache Weisen, bei denen sich Landsleute an dem Eindruck erkennen, den die Melodie auf sie macht. Wenn die Auswanderer, von denen wir vorhin sprachen, Alles verlieren, die Liebe zu ihrem Vaterlande, selbst den geläufigen Ausdruck ihrer Muttersprache, die Melodien der Heimath leben unter ihnen länger, als alles Andere, und mancher Narr, der in der Fremde seinen Stolz darein setzt, ein naturalisirter Fremder zu sein, fühlt sich plötzlich wieder deutsch, wenn er ein Paar Tacte singen hört, die ihm in seiner Jugend bekannt waren.«
Der Kaufmann sagte: »Sie haben Recht. Wer aus seiner Heimath scheidet, ist sich selten bewußt, was er Alles aufgiebt; er merkt es vielleicht erst dann, wenn die Erinnerung daran eine Freude seines späteren Lebens wird. Diese Erinnerung ist wohl auch dem verwilderten Mann ein Heiligthum, das er oft selbst entehrt und verspottet, das er aber in seinen besten Augenblicken immer wieder aufsucht.«