An demselben Abend saßen die Baronin und ihre Tochter in der Rosenlaube des Parks, Beide waren allmälig verstummt. Die Mutter sah in tiefen Gedanken auf den Tanz eines Nachtschmetterlings, der mit dem kleinen dicken Kopf durchaus in die Flamme der Kerze fahren wollte und immer wieder an die Glasglocke stieß, welche das Licht vor der Nachtluft schützte.

Lenore beugte sich über ein Buch und warf zuweilen einen forschenden Blick in das ernste Gesicht der Mutter. Da knirschte der Kies, und der alte Amtmann des Gutes trat hastig mit abgezogener Mütze heran und frug nach dem gnädigen Herrn.

»Was bringen Sie?« frug Lenore den Graukopf, »ist etwas vorgefallen?«

»Mit dem alten Rappen geht's zu Ende,« antwortete der Amtmann besorgt, »er hat wüthend um sich geschlagen und in die Krippe gebissen, jetzt liegt er und keucht wie im Sterben.«

»Das wäre der Teufel!« rief Lenore aufspringend.

»Lenore!« schalt die Mutter.

»Ich komme, selbst nachzusehen,« sagte Lenore eifrig und eilte mit dem Alten nach dem Hofe.

Das kranke Pferd lag auf seiner Streu triefend von Angstschweiß, und seine Flanken hoben und senkten sich in keuchendem Athemholen. Beim Schein der Stalllaterne standen die Knechte umher und sahen phlegmatisch auf das leidende Thier. Als Lenore eintrat, wandte das Pferd die Augen Hülfe suchend nach dem Fräulein.