Anton freute sich darüber und goß seinem Nachbar das Glas voll. So unterhielt er sich und blickte auf seinen Prinzipal, der heute besonders aufgelegt war, sich mit den bunten Herren über Krieg und Frieden zu unterhalten. Anton sah, daß der Kaufmann die Offiziere mit einer gewissen förmlichen Artigkeit behandelte, welche dem nachlässigen Ton, in welchem die Herren die Trinkgesellschaft begonnen hatten, wirksam steuerte. Bald wurde das Gespräch allgemein, und man hörte mit Aufmerksamkeit dem Kaufmanne zu, welcher von dem insurgirten Gebiet, mit dem er durch frühere Reisen bekannt war, erzählte und einzelne Führer des Aufstandes zu schildern wußte.
Nur der junge Herr von Rothsattel schien zu Antons großer Betrübniß nicht zufrieden mit der Aufmerksamkeit, welche seine Kameraden dem Civilisten gönnten, und mit dem Löwenantheil, den dieser an der Unterhaltung erlangt hatte; er warf sich nachlässig in seinen Stuhl zurück, sah wie zerstreut nach der Decke, spielte mit dem Säbelgriff und warf kurze Bemerkungen von den Lippen, welche eine ennuyirte Gemüthsstimmung andeuten sollten. Als der Rittmeister erwähnte, daß er am nächsten Morgen den Befehlshaber des Grenzcorps erwarte, und der Kaufmann darauf entgegnete: »Ihr Oberst wird vor morgen Abend nicht hier eintreffen, wenigstens hat er mir heut auf der Eisenbahn, wo ich mit ihm zusammentraf, so erzählt,« da kam in dem jungen Offizier der Teufel des Hochmuths zum Durchbruch und er sagte mit unartigem Ton: »Sie kennen unsern Obristen also persönlich? Er nimmt ja wohl seinen Zucker und Kaffe bei Ihnen?«
»Wenigstens geschah das früher,« sagte der Kaufmann artig, »ich selbst habe als junger Mann einige Mal den Kaffe für ihn abgewogen.«
Unter den Offizieren entstand eine gewisse Verlegenheit und einer der ältern versuchte von seinem Standpunkt aus eine Verbesserung der beabsichtigten Grobheit, indem er etwas von einer höchst respectablen Handlung sprach, bei welcher jeder Militär oder Nicht-Militär seinen Bedarf nur mit Vergnügen entnehmen könnte.
»Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen, welches Sie zu meinem Geschäft haben, Herr Capitain,« sagte der Kaufmann lächelnd; »ich bin allerdings stolz darauf, daß mein Geschäft respectabel geworden ist durch meine und meiner Angehörigen angestrengte Thätigkeit.«
»Lieutnant Rothsattel, Sie führen die nächste Patrouille, es ist Zeit, daß Sie aufbrechen,« erinnerte der Rittmeister. Klirrend erhob sich der Lieutnant.
»Hier bringt Herr Warschauer eine neue Flasche, auf welche er große Stücke hält, es ist der beste Wein seines Kellers. Darf Herr von Rothsattel nicht erst den Wein versuchen, bevor er unsere Nachtruhe bewacht?« frug der Kaufmann mit ruhiger Artigkeit zum Rittmeister gewandt. Der junge Herr dankte mit Trotz und ging rasselnd aus der Stube. Anton hätte seinen Liebling prügeln mögen, so zornig war er auf ihn. Der Rittmeister aber beseitigte das kleine Zwischenspiel durch ein lebhaftes Gespräch, welches er einleitete.
Es war spät geworden, und Anton sah mit Verwunderung, daß der Kaufmann fortfuhr, mit ausgesuchter Artigkeit den Wirth zu machen und an dem Prüfen des Ungarweins ein Behagen zu empfinden, welches mit dem Zwecke seiner Reise nicht recht verträglich war. Endlich, nachdem eine neue Flasche entkorkt war, und auch der Rittmeister eine neue Cigarre des Kaufmanns bewundert hatte, warf dieser leicht hin: »Ich wünsche morgen nach der insurgirten Hauptstadt zu reisen und erbitte mir Erlaubniß dazu, wenn diese nöthig ist.«