Es war Abend, als sie in der Nähe der Stadt ankamen. Ein röthlicher Schein am Himmel bezeichnete schon aus der Ferne das Ziel ihrer Fahrt, dann zahlreiche bewaffnete Banden, welche in die Stadt hinein oder von ihr her zogen. Darauf folgten ein langer Aufenthalt an dem Thore, ein Durcheinander von Fragen und Antworten, Beleuchtung der Reisenden durch Laternen und brennende Kienspäne, feindselige Blicke und unverständliche Drohungen, endlich eine lange Fahrt durch die Straßen der alten Hauptstadt. Um sie herum bald Todtenstille, bald ein wildes Geschrei zusammengelaufener Menschen, doppelt unheimlich, wenn die Worte den Hörenden unverständlich waren.

Zuletzt lenkte der Kutscher auf einen Marktplatz und hielt vor einem stattlichen Hause. Die Reisenden wurden durch ein Gedränge bunter Uniformen, beschnürter Röcke und heller Kittel gezogen und eine breite Treppe hinaufgedrängt. Dort stieß man sie in ein großes Zimmer und stellte sie einem Herrn mit weißen Glacéhandschuhen gegenüber, welcher in einen schriftlichen Rapport sah und ihnen kurz ankündigte, daß sie nach dem Bericht des Stations-Commandanten der Spionage verdächtig wären und vor einem Kriegsgericht verhört werden sollten. Der Kaufmann antwortete sogleich mit kräftigem Unwillen: »Dann bedaure ich, daß Ihr Untergebener eine große Unwahrheit gemeldet hat, denn wir haben die Reise bei hellem Tage auf der großen Landstraße bis hierher gemacht, in der bestimmten Absicht, Ihren Commandirenden zu sprechen; mein sind die Pferde und mein der Wagen, welche mich vor dieses Haus gebracht haben, und es war eine überflüssige Höflichkeit Ihres Stations-Commandanten, daß er mir solche Begleitung mitgegeben hat. Ich wünsche den Herrn, welcher hier befehligt, so bald als möglich zu sehen, nur ihm werde ich den Zweck meiner Reise mittheilen; haben Sie die Güte, ihm meinen Paß einzuhändigen.«

Der Herr sah in den Paß und frug mit mehr Rücksicht auf Anton blickend: »Aber dieser Herr? er hat das Aussehen eines Offiziers Ihrer Armee.«

»Ich bin ein Commis des Herrn Schröter,« erwiederte Anton mit einer Verbeugung, »und durch und durch civil.«

»Warten Sie,« sprach der junge Mann von oben herab und ging mit dem Paß in ein Nebenzimmer.

Da er einige Zeit ausblieb und Niemand die Reisenden hinderte, setzten sie sich auf eine Bank und nahmen die sicherste Miene an, welche ihnen möglich war. Anton warf einen besorgten Blick auf seinen Prinzipal, welcher finster vor sich niedersah, und betrachtete dann verwundert seine Umgebung. Es war ein hohes Zimmer, die Decke mit Stuck und Malerei verziert, die Wände verräuchert und beschmutzt, Tische, Stühle und Bänke standen unordentlich umher, sie schienen aus einem Schenkhause herzugeschleppt; an den Tischen beugten sich einige Schreiber über ihre Papiere, und an den Wänden saßen und lagen Bewaffnete, sie schliefen oder sprachen laut mit einander, zum Theil in französischer Sprache. Das heruntergekommene Zimmer in der trüben Beleuchtung machte auf Anton keinen ermuthigenden Eindruck, und leise sagte er zu dem Kaufmann: »Wenn Revolution so aussieht, sieht sie häßlich genug aus.«

»Sie verwüstet immer und schafft selten Neues. Ich fürchte, die ganze Stadt gleicht dieser Stube. Die gemalten Wappen an der Decke, und die schmutzige Bank, auf der wir sitzen, wenn solche Gegensätze zusammenkommen, dann darf ein ehrlicher Mann sein Kreuz schlagen. Der Adel und der Pöbel sind jeder einzeln schlimm genug, wenn sie für sich Politik treiben; so oft sie sich aber mit einander vereinigen, ruiniren sie sicher das Haus, in dem sie zusammenkommen.«

»Die Vornehmen sind uns unbequemer,« sagte Anton, »ich lobe mir unsern Krakusen, der war ein höflicher Insurgent und er hatte ein Herz für ein Achtgroschenstück, die Herren hier aber verfahren durchaus nicht geschäftsmäßig.«

»Warten wir ab,« sprach der Prinzipal.