»Ich werde beim Wirth bestellen, daß die Hausmagd etwas Warmes kocht, und Sie, Herr Wachtmeister, haben die Güte, zuzusehen, daß Alles in Ordnung zugeht.« Dabei griff er in die Tasche, und der Wachtmeister versprach bereitwillig, sein kriegerisches Herz dem Mitleid offen zu erhalten.
Eine Stunde darauf rollten die Reisenden in offener Britschka durch die Vorposten, der Kaufmann fuhr, Anton saß hinter ihm und blickte spähend in die Landschaft hinein, in welcher sich aus Finsterniß und Nebel bereits einzelne Gegenstände erkennen ließen. Ungefähr zweihundert Schritt waren sie gefahren, da tönte hinter einem dicken Weidenbaum an der Landstraße ein polnischer Zuruf. Der Kaufmann hielt die Pferde an, ein Einzelner näherte sich vorsichtig dem Wagen. »Kommt herauf, guter Freund,« rief der Kaufmann dem Fremden zu, »setzt euch neben mich.« Höflich nahm der Fremde seine Mütze ab und schwang sich auf den Vordersitz des Wagens. Es war der oberste Krakuse von gestern mit seinem hängenden Schnauzbart. »Haben Sie ein Auge auf ihn,« sagte der Kaufmann in englischer Sprache zu Anton, »er soll uns als Sauvegarde dienen und wird dafür bezahlt; wenn er mir auf den Leib rückt, so fassen Sie ihn von hinten.«
Anton holte die verachteten Pistolen aus einer alten Ledertasche an der Seite des Wagens und steckte sie vor den Augen des Krakusen recht sichtbar in die Taschen seines Paletots. Der Führer im Leinwandrock aber lachte vertraulich und erwies sich bald als ein Geschöpf von freundschaftlicher und geselliger Natur, er nickte verbindlich beiden Reisenden zu, trank Schlucke aus Antons Reiseflasche und machte Versuche, über seine linke Schulter mit diesem eine Unterhaltung anzuknüpfen, indem er ihn in gebrochenem Deutsch Euer Gnaden nannte und ihm offenbarte, er rauche auch Tabak, habe aber keinen. Zuletzt bat er um die Ehre, die Herren fahren zu dürfen.
So waren sie an einer Gruppe zerfallener Häuser vorbeigekommen, welche an einem Sumpf auf kahler Fläche standen, wie riesige Pilze, die an einer vergifteten Stelle in die Höhe geschossen sind; da sahen sie sich plötzlich von einem Haufen Insurgenten umringt. Es war Landsturm, wie sie ihn schon am Tage vorher gesehen hatten, einige Dreschflegel, einige gerade Sensen, alte Musketen, Leinwandkittel, viel Schnapsgeruch und glotzende Augen. Der Haufe fiel den Pferden in die Zügel und schickte sich mit Blitzesschnelle an, dieselben abzuspannen. Da erhob sich der Krakuse von seinem Sitz wie ein Löwe und entwickelte in seinem Polnisch eine ungeheure Beredsamkeit, wobei er mit Händen und Füßen nach allen Seiten hin gesticulirte. Er erklärte, daß diese Herren große Herren der Niemcy seien, welche nach der Hauptstadt reisten, weil sie mit der Regierung sprechen müßten; es werde Jedem den Kopf kosten, der auch nur ein Haar aus dem Schwanze ihrer Pferde ausrisse. Auf diese Rede erfolgten ebenso lebhafte Gegenreden, bei denen ein Theil die Fäuste ballte, ein Theil die Mützen abnahm. Darauf hielt der Führer eine noch stärkere Rede und stellte allen Patrioten ein Zerschnittenwerden in vier Theile in Aussicht, wenn sie wagen würden, auch nur ihre Pferdeköpfe scheel anzusehen. Darauf wurde die Zahl der geballten Fäuste geringer und die Zahl der gezogenen Mützen größer. Endlich machte der Kaufmann dieser Scene ein Ende, indem er die Pferde mit einem kräftigen Peitschenschlag antrieb und den letzten widerspenstigen Patrioten zu einem schnellen Seitensprung veranlaßte. Im Galopp stoben die Pferde vorwärts, einige lebhafte Interjectionen klangen hinter ihnen her, und eine Kugel pfiff unschädlich über die Häupter der Reisenden, wahrscheinlich mehr aus allgemeiner Vaterlandsliebe, als zu einem bestimmten Zweck abgeschossen.
So ging es einige Stunden fort. Nicht selten überholten sie Haufen bewaffneter Landleute, welche entweder schrieen und ihre Knittel schwangen, oder einem Geistlichen mit der Kirchenfahne nachzogen, die Köpfe gesenkt, geistliche Lieder singend. Die Reisenden wurden einige Mal aufgehalten und bedroht, zuweilen auch mit großer Ehrerbietung begrüßt, zumal Anton, der auf seinem Hintersitz für die Hauptperson galt.
Endlich näherten sie sich einem größern Dorf, die Haufen wurden dicker, das Geschrei lauter, unter den Bauernkitteln waren hier und da eine Uniform, Federbüsche und Bajonnette sichtbar. Hier zeigte der Führer Symptome von Unruhe und erklärte dem Kaufmann, weiter könne er sie nicht führen, hier müßten sie sich bei dem Befehlshaber melden. Der Prinzipal zeigte sich damit zufrieden, zahlte dem Führer seinen Lohn aus und ließ den Wagen bei dem ersten Haufen, welcher die Straße besetzt hielt, halten. Ein junger Mann in blauer Pikesche, mit einer roth und weißen Schärpe um den Leib, eilte heran, nöthigte die Reisenden, abzusteigen, und führte sie mit leidenschaftlichem Diensteifer der Hauptwache zu. Der Kaufmann behielt die Zügel der Pferde in der Hand und raunte Anton zu, er sollte den Wagen unter keinen Umständen aus den Augen lassen. Anton heuchelte Unbefangenheit und drückte dem getreuen Krakusen, der hinter dem Wagen herschlich, etwas in die Hand, damit dieser den Pferden einige Bündel Heu verschaffe.
Das Wachlocal war in einem Hause, dessen Strohdach durch den weißen Anstrich der Wände einen vornehmen Schimmer erhielt. Dort standen einige Jagdflinten und Musketen an Holzpfähle gelehnt, bewacht von einem jugendlichen Volontair in blauem Rock und rother Mütze. Daneben saß der commandirende Offizier, ein plattes Gesicht unter einem mächtigen, weißen Federbusch; er war mit einer ungeheuern seidenen Schärpe und einem Säbel mit schöngewundenem Korbgriff geschmückt. Dieser Herr gerieth in nicht gewöhnliche Aufregung, als er die Fremden erblickte, er drückte seinen Hut fest, strich sich grimmig den unordentlichen Bart und begann ein Verhör. Nach früherer Verabredung sagten ihm beide Reisende, daß sie das Obercommando in wichtiger Angelegenheit zu sprechen hätten. Ueber den Zweck ihrer Reise verweigerten sie jede Auskunft. Diese Erklärung kränkte die Würde des Befehlshabers. Er machte lieblose Anspielungen auf verdächtige Menschen und Spione und schrie seiner Wache zu, in's Gewehr zu treten. Fünf junge Männer in blauen Pikeschen stürzten aus dem Hause, stellten sich in Linie auf und wurden mit einem Aufwand von Commandowörtern befehligt, ihre Gewehre bereit zu halten. Anton sprang unwillkürlich zwischen die Blauröcke und seinen Prinzipal. Indeß änderte der Herr mit dem großen Säbel seinen mörderischen Entschluß, als der Kaufmann mit Gemüthsruhe an dem Pfosten stehen blieb, um den er die Zügel geschlungen hatte. Der Befehlshaber begnügte sich, ihm nochmals zu versichern, er halte ihn für höchst gefährlich und sei sehr geneigt, ihn als Verräther zu füsiliren.
Der Kaufmann zuckte mit den Achseln und sagte in ruhiger Höflichkeit: »Sie sind durchaus im Irrthum über den Zweck unserer Reise. Sie können uns nicht im Ernst für Spione halten, denn wir haben uns durch einen Ihrer Landsleute gerade zu Ihnen führen lassen, um durch Ihre Güte ein Geleit nach der Hauptstadt zu bekommen. Ich bitte Sie nochmals, uns nicht aufzuhalten, da unsere Geschäfte bei der Commandantur dringend sind, und ich Sie für jede unnütze Verzögerung unserer Reise verantwortlich machen müßte.« Der Commandeur fing nach dieser Rede von Neuem an zu wettern, er schnaubte heftig gegen den Kaufmann und Anton, trank endlich ein großes Glas Branntwein und faßte einen Entschluß. Er rief drei seiner Leute und befahl ihnen, sich mit den Reisenden aufzusetzen und dieselben nach der Hauptstadt zu transportiren. Ein neues Strohbund wurde in den Wagen geworfen, zwei confiscirte Burschen nahmen mit ihren Gewehren Platz hinter den Reisenden, vor ihnen setzte sich ein weißröckiger Bauer auf den Kutschersitz, ergriff die Zügel und fuhr gleichgültig seine Ladung, Verdächtige, Patrioten und Alles, im Galopp nach der Hauptstadt.
»Unsere Lage hat sich verschlechtert,« sagte Anton, »fünf Mann auf dem kleinen Wagen, und die armen Pferde sind ermüdet.«
»Ich sagte Ihnen, daß unsere Reise einige Unbequemlichkeiten haben würde,« antwortete der Kaufmann. »Die Menschen sind nie lästiger als wenn sie Soldaten spielen. Uebrigens ist diese Bewachung kein Unglück, wir werden wenigstens bei solcher Empfehlung in die Stadt gelassen werden.«