»Wir gaben Sie bereits verloren,« rief der eintretende Rittmeister dem Kaufmann zu. »Es ist hier arg gewirthschaftet worden, und meine Erkundigung nach Ihnen war ohne Erfolg; ein Glück war es, daß Ihr Brief mich in dem Gewirr auffand.«

»Wir haben unsern Willen durchgesetzt,« sagte der Kaufmann, »wie Sie sehen, nicht ohne Hindernisse —« er zeigte lächelnd auf seinen verbundenen Arm.

»Vor Allem lassen Sie mich wissen, welche Abenteuer Sie erlebt haben,« sagte der Rittmeister, sich zu dem Verwundeten setzend; »Sie haben mehr Spuren des Kampfes aufzuweisen als wir.« Der Kaufmann erzählte. Er verweilte mit Wärme bei Antons Heldenthat, dem er seine Rettung zuschrieb, und schloß mit den Worten: »Meine Wunde verhindert mich nicht, zu reisen, und meine Rückkehr ist dringend nothwendig. Die Wagen will ich bis zur Grenze mit mir nehmen.«

»Morgen früh geht ein Zug unsers Trains nach der Grenze zurück, diesem können Sie Ihre Wagen anschließen. Uebrigens ist die große Straße jetzt sicher. Von morgen wird auch der Postenlauf wieder beginnen.«

»Unterdeß erbitte ich Ihre Vermittelung, ich will noch heut durch Estaffette Briefe nach Haus senden.«

»Ich will sorgen,« versprach der Rittmeister, »daß Ihre Rückkehr morgen keine Verzögerung erleidet.«

Als der Offizier das Zimmer verlassen hatte, sagte der Kaufmann zu Anton: »Ihnen, lieber Wohlfart, muß ich jetzt eine Ueberraschung bereiten, die Ihnen, wie ich fürchte, wenig willkommen sein wird. Ich wünsche Sie an meiner Stelle hier zu lassen.« Erstaunt trat Anton an das Lager des Prinzipals. »Auf unsern Agenten ist in dieser Zeit nicht zu bauen,« fuhr der Kaufmann fort; »ich habe in diesen Tagen mit Freuden erkannt, wie sehr ich mich auf Sie verlassen kann. Was Sie noch nebenbei gethan haben zur Rettung meiner Stirnhaut, das bleibt Ihnen unvergessen, so lange ich lebe. — Und jetzt setzen Sie sich mit Ihrer Schreibtafel zu mir, wir überlegen noch einmal, was wir zu thun haben.«

Am nächsten Morgen hielt ein Postwagen vor der Herberge, der Kaufmann wurde von Anton hineingehoben und ließ an der Seite der Straße halten, bis die Frachtwagen einer nach dem andern zum Thore hinausgefahren waren. Dann drückte er noch einmal Antons Hand und sagte: »Ihr Aufenthalt wird Wochen, ja er kann Monate dauern. Ihre Arbeit wird sehr unangenehm und zuweilen ohne Resultate sein. Und ich wiederhole Ihnen, seien Sie nicht zu ängstlich, ich vertraue auf Ihr Urtheil, wie auf mein eigenes. Fürchten Sie nicht, uns einen Verlust zu bereiten, wenn Sie unsichere Schuldner zur Zahlung bringen können. Dieser Ort ist verwüstet und fortan für uns verloren. Leben Sie wohl, auf ein gutes Wiedersehn zu Hause.«

So blieb Anton allein in der fremden Stadt, in einer Stellung, in welcher großes Vertrauen ihm große Verantwortlichkeit auflegte. Er ging in das Zimmer zurück, rief den Wirth und schloß mit ihm auf der Stelle einen Vertrag über seinen ferneren Aufenthalt. Die Stadt war so angefüllt mit Militär, daß er es vorzog, in der kleinen Wohnung, welche er bereits in Besitz hatte, zu bleiben und die Unbequemlichkeiten des dürftigen Quartiers zu ertragen. Er durfte nicht erwarten, es irgendwo wohnlicher zu finden.

Wohl war es eine verwüstete Stadt, welche Antons Fuß durchschritt. Vor wenig Tagen füllte das Gewühl leidenschaftlicher Menschen die Straßen, jede Art von Unternehmungslust war auf den wilden Gesichtern zu lesen. Wo war jetzt der Trotz, die Kampflust, die Begeisterung der vielen Tausende? — Die Haufen der Landleute, Schwärme des Pöbels, Krieger des Patriotenheeres waren zerstoben wie Geister, welche der Sturmschlag fremder Trommeln verscheucht hat. Was von Menschen auf den Straßen daherschritt, das waren fremde Soldaten. Aber die bunten Uniformen der Fremden gaben der Stadt kein besseres Ansehen. Zwar das Feuer war gelöscht, dessen Qualm in den letzten Tagen den Himmel verdunkelt hatte. Aber in dem bleichen Herbstlicht standen die Häuser da, wie ausgebrannt. Die Thüren blieben verschlossen, viele Scheiben zerschlagen, auf den Steinen lag der Unrath, faules Stroh, Trümmer von Hausgeräth, hier mit zerbrochenen Rädern ein Karren, dort eine Montur, Waffen, die Leiche eines Pferdes. An einer Straßenecke standen Schränke und Tonnen, die man aus Häusern zusammengeworfen hatte als einen letzten Wall gegen die eindringenden Truppen, und dahinter lagen mit einem Strohbund nachlässig zugedeckt die Leichen getödteter Menschen. Anton wandte sich mit Grausen ab, als er die blutlosen Köpfe unter den Halmen erblickte. Auf den Plätzen bivouakirten neu eingezogene Truppen, ihre Pferde standen in Haufen zusammengekoppelt, daneben aufgefahrene Geschütze; in allen Straßen dröhnte der Tritt starker Patrouillen, nur selten eilte eine Gestalt in Civilkleidern über das Pflaster, den Hut tief in die Augen gedrückt, mit furchtsamem Blick von der Seite auf die fremden Krieger sehend, zuweilen wurde ein bleicher Mann von Bewaffneten vorübergeführt, und wenn er zu langsam ging, mit dem Kolben vorwärts gestoßen. Die Stadt hatte häßlich ausgesehen während der Aufregung, sie erschien noch häßlicher in der Todtenruhe, welche jetzt auf ihr lag.