Der Zug setzte sich in Bewegung. Voran ein Theil der Escorte, dann die Frachtwagen, welche langsam und unbehülflich über die Steine der Ausfahrt rasselten, einige ohne Fuhrmann, nur durch die eingeübten Pferde in der Reihe gehalten. Der Kaufmann stand am Thor, auf Anton gelehnt, und zählte leise wie im Traume, so oft ein Wagen durch das Thor fuhr; da der letzte hinausrollte, sagte er: »Abgemacht!« und ließ sich von Anton und dem Polen hinter den Wagen her führen.
In der nächsten Querstraße fuhr der Zug in den weiten Hofraum einer Herberge ein. Als nach langem Aufenthalt der letzte Wagen abgespannt war, und die Wache das Thor von innen verriegelt hatte, sank der Kaufmann ohnmächtig zusammen und wurde in das Haus getragen.
In einem kleinen Zimmer wurde der Verwundete niedergelegt; die Polen stellten eine Wache vor das Zimmer der Reisenden, eine andere in den Hof; Anton blieb mit dem Ohnmächtigen allein. Angstvoll kniete er an dem Lager des Kaufmanns nieder, öffnete ihm die Kleider und benetzte das Gesicht mit kaltem Wasser. Nach einer Weile kehrte Leben in das Angesicht des Prinzipals zurück, er öffnete die Augen, blickte dankend auf Anton und wies auf das Fenster.
Anton sah hinaus und sagte freudig: »Es führt auf den Hof, ich kann die Wagen zählen und übersehen. Hier glaube ich, sind wir in erträglicher Sicherheit; freilich sind wir Gefangene! Vor Allem aber erlauben Sie mir, nach Ihrer Wunde zu sehen, Ihre Kleider sind mit vielem Blut befleckt!«
»Die Schwäche kommt von der Anstrengung mehr, als vom Blutverlust,« antwortete der Kaufmann sich aufrichtend.
Anton öffnete die Thür und bat um einen Wundarzt. Der Wächter war bereit, einen solchen zu holen, und ließ nach Verlauf einer langen ängstlichen Stunde ein schäbiges Subject herein, welches eilig ein Barbiermesser und ein schmutziges Taschentuch hervorholte, das Messer an seinem Aermel strich und das Taschentuch in eine bedenkliche Nähe von Antons Kinn zu bringen wagte. Mit Mühe wurde ihm begreiflich gemacht, weshalb er gerufen sei. Anton schnitt den Rockärmel und das Hemde auf und untersuchte selbst die verwundete Stelle. Es war ein Schnitt in den Oberarm, er schien nicht gerade tief, doch war der Arm steif, und der Kaufmann fühlte heftige Schmerzen. Der Barbier versuchte einen Verband anzulegen und entfernte sich mit dem Versprechen, in den nächsten Tagen wiederzukommen. Der Kaufmann sank erschöpft durch die Schmerzen des Verbandes auf das Lager zurück, und Anton saß den Rest des Tages neben ihm, machte dem Arm Umschläge von kaltem Wasser und beobachtete den fieberhaften Schlummer des Kranken.
Bald versank er selbst in einen Zustand von Halbschlaf, eine dumpfe Abspannung, welche ihn gleichgültig gegen Alles machte, was außerhalb des Zimmers vorging. So kam der Abend und die Nacht, Anton tauchte jede Minute die Fingerspitzen in kaltes Wasser und schlich zuweilen vom Lager des Verwundeten nach dem Fenster, um nach den Wagen zu sehen, oder nach der Thür, um einige halblaute Worte mit der Wache zu wechseln, welche eine gutmüthige Theilnahme bewies. Unterdeß wüthete in der Stadt das Feuer und vor den Thoren donnerte das Geschütz angreifender Truppen. Anton sah gleichgültig auf die glühende Lohe, welche vom Winde getrieben wieder über die unglückliche Stadt flog, er hörte mit einer schwachen Verwunderung, daß der Donner des Geschützes immer stärker rollte und endlich in ein betäubendes Krachen überging, und wenn er Wehgeschrei oder Gebrüll auf der Straße hörte, klang es ihm so unbedeutend, wie das Läuten eines Frühglöckchens, das er von seiner Stube im Hause des Prinzipals hören konnte, und Niemanden aus der Morgenruh aufzustören vermochte, als höchstens einige fromme Mütterchen. Mechanisch griff er die ganze Nacht hindurch mit den Händen in das kalte Wasser und an den Arm des Liegenden und fuhr auf, so oft dieser stöhnte und sich bewegte. Als aber gegen Morgen der Kranke in einen ruhigeren Schlummer sank, vergaß auch Anton seine Arbeit, der Kopf fiel ihm schwer auf die Hände, welche er über den Tisch ausgebreitet hatte; er sah und hörte nichts mehr; er war unter dem Angstgeschrei und Kanonendonner, welche die Eroberung einer hartnäckig vertheidigten Stadt anzeigten, unter allen Gräueln eines blutigen Kampfes fest eingeschlafen, wie ein müder Knabe über seinen Schularbeiten.
Als er nach einigen Stunden erwachte, war der Morgen längst angebrochen, der Kaufmann lachte ihn von seinem Lager freundlich an und reichte ihm die gesunde Hand. Anton drückte sie erfreut und eilte wieder nach dem Fenster, »Alles in Ordnung!« Darauf öffnete er die Thür, die Wache war verschwunden. Und auf der Straße klang Trommelwirbel und der regelmäßige Tritt einziehender Regimenter.