Langsam stiegen sie wieder die Stufen hinauf. An der Schwelle hielt der Kaufmann noch einmal an und sah in den Keller hinab eine lange Weile. Dann drehte er sich entschlossen um, schlug die Kellerthür zu, zog den Schlüssel ab und legte ihn feierlich in Antons Hand. »Hier ist der Schlüssel zu Ihrem Eigenthum, unsere Rechnung ist abgemacht. Leben Sie wohl, meine Herren.« Langsam und mit gesenktem Haupt ging er den verfallenen Kreuzgang hinab; in dem Dämmerlicht des trüben Tages glich er einem der alten Kellermeister des Klosters, der noch als Geist durch die Trümmer der vergangenen Herrlichkeit gleitet. Der Agent rief ihm nach: »Aber das Frühstück, Herr Wendel!« Der Alte schüttelte den Kopf und winkte abwehrend mit der Hand.

Ja, das Frühstück! Jedes Abkommen an diesem Orte wurde mit Wein überschwemmt. Diese langen Sitzungen im Weinhause, welche auch in der traurigen Zeit nicht ausgesetzt wurden, waren für Anton kein geringes Leiden. Er sah, daß man in dem Land viel weniger arbeite und viel mehr schwatze und trinke, als bei ihm daheim. So oft es ihm gelungen war, etwas in's Reine zu bringen, konnte auch er sich dem Frühstück nicht entziehen. Dann setzten sich Käufer, Verkäufer, die Helfer, und wer sonst zu den Bekannten gehörte, in einer Weinhandlung am runden Tisch zusammen, man fing mit Porter an, aß Caviar nach Pfunden und zechte dann den rothen Wein von Bordeaux. Gastfrei wurde nach allen Seiten eingeschenkt; wer ein bekanntes Gesicht hatte, mußte am Gelage Theil nehmen, immer zahlreicher wurde die Gesellschaft, oft kam der Abend heran. Unterdeß ließen die Hausfrauen der Männer, an solche Ereignisse gewöhnt, das Mittagessen wohl drei Mal wieder abtragen und hoben es zuletzt gleichmüthig bis zum andern Tage auf. Oft dachte Anton in solcher Zeit an Fink, der ihm, dem Widerstrebenden, wenigstens eine mäßige Fertigkeit beigebracht hatte, dergleichen schwere Geschäfte mit Anstand durchzumachen.


An einem Nachmittag saß Anton beim Domino. Da rief ein älterer Lieutnant von seiner Zeitung den spielenden Offizieren zu: »Gestern Abend sind einem unserer Husaren zwei Finger der rechten Hand zerschmettert worden. Der Esel, welcher mit ihm einquartiert war, hat mit seinem Karabiner gespielt, in dem er den Schuß nicht herausgezogen hatte. Der Doctor hält eine Amputation für unvermeidlich. — Schade um den tüchtigen Mann, er war einer der brauchbarsten Leute in der Escadron. Solch Malheur trifft immer die Besten.«

»Wie heißt der Mann?« frug Herr von Bolling, seinen Stein setzend.

»Es ist der Gefreite Sturm.«

Anton sprang auf, daß die Steine auf dem Tische tanzten. »Wo liegt der Verwundete?«

Der Leutnant beschrieb ihm die Lage des Lazareths.

In einem finstern Zimmer, voll von Betten und kranken Soldaten, lag der bleiche Karl und streckte seine linke Hand Anton entgegen. »Es ist vorüber,« sagte er, »es hat höllisch weh gethan, aber ich werde die Hand doch wieder gebrauchen. Die Feder kann ich noch führen, und auch das Uebrige will ich versuchen, und ist's nicht mit der Rechten, so ist's mit der Linken. Nur in goldenen Ringen werde ich keinen Staat mehr machen.«