Der Freiherr ging mit großen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige Mann ihm vorgeschlagen hatte, wühlte sein Inneres auf. Ja, es war Rettung für ihn aus dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er konnte darauf nicht eingehen, das verstand sich von selbst. Er war lächerlich, der ihm den Antrag machte, und man konnte ihm nicht einmal zürnen, er verstand's nicht anders. Aber der Freiherr hatte sein Wort verpfändet, er durfte an die Sache gar nicht mehr denken.
Und doch, wie gering war für ihn die Gefahr. Die Documente blieben ruhig in Ehrenthals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt, dann zahlte er die Summe baar an Ehrenthal und löste seine Documente ein. Kein Mensch durfte etwas von dem Geschäft erfahren, und wenn es zum Schlimmsten kam, so ließ er eine neue Hypothek für Ehrenthal auf sein Gut ausfertigen, er bewilligte ihm noch eine Entschädigung, und der Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den Gedanken von sich ab, und unaufhörlich kam er zurück. Es schlug eins, es schlug zwei Uhr; er klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug gelegentlich, ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab, ohne ihn anzusehen, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit abgezogenem Hut neben ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren solle, da erst fiel ihm ein, daß er es selbst nicht wußte. »Zu Ehrenthal!« sagte er endlich.
Ehrenthal hatte unterdeß einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flößte ihm den Argwohn ein, daß außer ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron speculire. Er schickte zu Pinkus, überschüttete diesen mit Vorwürfen und suchte auf jede Weise zu erfahren, woher das Capital gekommen sei. Pinkus aber war auf's Beste geschult, er zeigte eine eherne Stirn und war grob. Darauf schickte Ehrenthal nach Itzig. Itzig war nirgend zu finden.
So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr, er wußte am besten, daß diese neue Schuld nicht nöthig war, um den Edelmann im ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und zürnte ihm deshalb als einem Thoren, der sich eine so unnöthige Verlegenheit bereitete. Und er sagte ihm mit dürren Worten, daß der Tag gekommen sei, wo die Geldzahlungen aufhören müßten. Es gab wieder eine heftige Scene, der Freiherr ging erbittert aus dem Comtoir, setzte sich in seinen Wagen und beschloß, noch einen letzten Versuch bei einem früheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.
Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartiere ankam. An der Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorübereilenden eine tiefe Verbeugung machte und ruhig stehen blieb. Die Kraft des Freiherrn war erschöpft. Er setzte sich in die Sophaecke, wie am Tage zuvor, und starrte vor sich hin. Es gab keine Rettung, das wußte er jetzt genau, keine andere als die, welche dort unten im Schatten des Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wüsten Abspannung erwartete er, was kommen würde. Unthätig, ohne sein Haupt von der Lehne zu erheben, hörte er die Viertelstunden von vier zu fünf schlagen. Wieder schlug es in seinem Haupt, wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem Augenblick näher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag der fünften Stunde war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte, der Freiherr erhob sich von seinem Sitz. Itzig öffnete die Thür und hielt zwei Papiere in der Hand.
»Ich kann nicht zahlen,« rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme entgegen.
Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: »Hier ist der Entwurf zu einem Vertrage.«
Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehen: »Kommen Sie zu einem Notar!«