Und als er spät am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgruß: »Wohlfart, ich wünsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan verläßt uns mit dem nächsten Vierteljahr, um als Associé in die Handlung seines Oheims zu treten. Ich habe Sie für seine Stelle bestimmt. Ich weiß, daß ich keinen bessern Mann zu meinem Stellvertreter machen kann.«

Als Anton in sein Zimmer zurückkehrte, da fühlte er, was der Mensch nur in wenigen Stunden des Lebens ungestraft fühlen darf, daß er glücklich war, ohne Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sopha, sah auf das Kissen und die Blumen, und seine Gedanken flogen zurück über die letzten Stunden. Immer wieder sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine Hand niederbeugte und ihm dankte. Lange saß er so in holdem Traume und legte sein müdes Haupt auf die seidenen Arabesken, welche Sabinens Hand gestickt hatte.

Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das Postzeichen war von Newyork, die Adresse von Finks Hand.

Fink hatte ihm in den ersten Jahren der Trennung einige Mal geschrieben, fast immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschäften, noch weniger von den Plänen, welche er im Hinterhause für seine Zukunft gemacht hatte. Dann war eine lange Zeit verstrichen, in welcher Anton ohne jede Nachricht vom Freunde geblieben war, er wußte nur, daß Fink viele Zeit auf Reisen im Westen der Union zubrachte, wo er als Bevollmächtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein Oheim gestanden, und im Interesse verschiedener Compagnien, an welchen der Verstorbene Theil hatte, thätig war. Aber mit Bestürzung las Anton heut Folgendes:

»Es muß endlich doch heraus, was ich dir armen Jungen gern verschwiegen hätte. Ich bin unter die Räuber und Mörder gegangen. Wenn du einen harten Kehlabschneider brauchst, wende dich nur an mich. Ich lobe mir einen Burschen, der aus freier Wahl ein Schuft wird; er hat wenigstens das Vergnügen, mit dem Teufel einen klugen Vertrag zu machen, und kann die Classe von Niederträchtigkeiten aussuchen, in der er sich behaglich fühlt. Mein Loos ist weniger angenehm. Ich werde durch den Zwang der Schelmereien, welche Andere ausgedacht haben, auf einem Wege fortgetrieben, welcher eine haarsträubende Aehnlichkeit mit der Chaussee hat, die sich Lawinen auf ihrem Sprunge nach der Tiefe bereiten. Wie das Felsstück in der Schneemasse, so stecke ich, von allen Seiten eingeengt, in der eisigen Kälte der furchtbarsten Speculationen, welche je großartiger Wuchersinn ausgedacht hat. Der Verstorbene hat die Güte gehabt, gerade mich zum Erben seiner Lieblingsprojecte, der Speculationen mit Land, zu machen. Lange vermied ich, mich selbst in die Einzelheiten dieses Geschäfts zu verlieren. Ich ließ ein Jahr lang Westlock diesen Theil der Erbschaft bearbeiten. Wenn das feig war, so fand ich eine Entschuldigung in der Masse von Arbeiten, welche mir die Börsengeschäfte des todten Herrn machten. Endlich wurde die Uebernahme auch dieser Thätigkeit unvermeidlich, und wenn ich schon vorher sehr bestimmte Ahnungen über die weite Ausdehnung des Luftsacks bekommen hatte, den der Todte statt eines Gewissens mit sich herum trug, so ist mir jetzt ganz unzweifelhaft geworden, daß die Absicht seines Testamentes war, sich für die kindischen Bosheiten, die ich gegen ihn geübt, dadurch zu rächen, daß er mich zum Spießgesellen von alten verwitterten Schurken machte, deren Schlauheit so groß ist, daß Satan selbst den Schwanz in die Tasche stecken und ihnen entlaufen würde.

Diesen Brief erhältst du aus einer neuen Stadt in Tennessee, einem anmuthigen Ort, der dadurch nicht besser wird, daß er auf Speculation von meinem Geld gebaut ist. Einige Holzhütten, die Hälfte davon Schenken, bis unter das Dach angefüllt mit einem schmutzigen und verworfenen Gesindel von Auswanderern, von denen die Hälfte an Fäulniß und Fieber darnieder liegt. — Auch was noch umherläuft, ist ein hohläugiges, verkümmertes Geschlecht, alle Candidaten des Todes. Täglich, wenn die armen Tröpfe die aufgehende Sonne erblicken, so oft sie den unbescheidenen Wunsch fühlen, etwas zu essen und zu trinken, täglich vom Morgen bis zum Abend ist ihr Lieblingsgeschäft, auf die Landhaifische zu fluchen, welche ihnen ihr Geld für Transportkosten, für Land und Improvements abgenommen, und sie in diese Gegend geführt haben, welche zwei Monate im Jahre unter Wasser steht und die übrige Zeit einem zähen Brei ähnlicher sieht, als irgend welchem Lande. Die Männer aber, welche sie auf diesem kothigen Weg in's Himmelreich weisen, sind meine Agenten und Bundesgenossen, und ich, Fritz Fink, bin der Glückliche, der hier allstündlich mit jedem Fluch der deutschen und irischen Zunge beworfen wird. Was noch gesunde Beine hat, schicke ich fort, was als Bewohner meines Hospitals umherschleicht, das habe ich mit Welschkorn und China zu füttern. In meiner Stube kriechen, während ich dies schreibe, drei nackte Paddykinder auf der Diele umher, ihre Mütter sind so pflichtvergessen gewesen, dies Jammerthal zu verlassen, und ich genieße den Vorzug, die froschartigen Scheusälchen über den Nachttopf zu halten. Eine angenehme Beschäftigung für meines Vaters Sohn! Wie lange ich hier festsitzen werde, weiß ich nicht, möglicherweise bis der Letzte gestorben ist.

Unterdeß bin ich mit meinen Associés in Newyork zerfallen, ich habe den Vorzug gehabt, eine allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, die Theilhaber an der großen Westlandcompagnie sind zusammengekommen, man hat Reden gegen mich gehalten und Beschlüsse gefaßt. Mich würde das wenig kümmern, wenn ich einen Weg sähe, mich von dieser Bande loszumachen. Aber der Todte hat die Sache so schlau eingerichtet, daß ich fest geschnürt bin, wie ein Sklave im Negerschiff. Es sind ungeheure Summen in diese wüste Speculation geworfen. Wenn ich ihnen den Kram kündige, so bin ich sicher, daß sie Mittel finden werden, mich die ganze Summe, die der Todte gezeichnet hat, bezahlen zu lassen, und wie ich das durchsetzen soll, ohne nicht nur mich, sondern vielleicht auch die Firma Fink und Becker zu ruiniren, das sehe ich noch nicht.

Indessen wünsche ich deine Meinung über das, was ich thun soll, nicht zu hören. Sie kann mir nichts nutzen, denn ich weiß sie ohnedies. Ich wünsche überhaupt keinen Brief von dir, du einfältiger, altfränkischer Tony, der du glaubst, ehrlich handeln sei eine so einfache Geschichte, wie ein Butterbrod streichen. Denn habe ich Alles gethan, was ich konnte, die Einen begraben, die Andern gefüttert und meine Compagnons so sehr geärgert, als mir möglich ist, dann ziehe ich auf einige Monate weiter nach Westen, in eine ehrliche Prairie, wo weniger Gekrächz von Alligatoren und Nachteulen, und etwas mehr Aristokratism zu finden sein wird, als hier. Giebt es auf der Prairie Tinte und Stift, so schreibe ich dir wieder. Ist dieser Brief der letzte, den du von mir erhältst, so widme mir eine Thräne und sage in deiner salbungsvollen Art: Schade um ihn, er hatte auch seine guten Seiten!«

Darauf folgte eine genaue Darstellung der Geschäfte Finks und die Statuten der Landcompagnie.

Anton las den unerfreulichen Brief einigemal durch, dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb an den Freund, trotz dem Verbot desselben, die ganze Nacht hindurch.