Noch in dem ruhigen Licht der nächsten Tage behielt Anton die erhobene Stimmung. Wenn er im Comtoir arbeitete und mit seinen Collegen scherzte, immer fühlte er, wie fest sein Leben in den Mauern des großen Hauses Wurzeln geschlagen hatte. Auch den Andern wurde das bemerkbar. Am Mittagstisch war die Unterhaltung jetzt lebhafter als je. Nicht nur der Prinzipal, auch Anton und Sabine führten das Gespräch. In einer Zeit, wo das Geschäft wenig Freudiges brachte, kam in diese Drei ein neues Leben. Der Kaufmann richtete seine Rede fast ausschließlich an Anton, und wenn Anton erzählte, dann hörte der ganze Tisch aufmerksam zu, und zuweilen klang ein heiteres Lachen aller Collegen um die feierliche Tafel. Auch des Abends war Anton eine bevorzugte Person. Er wurde oft in das Vorderhaus geladen, dann saß er mit den Frauen und dem Prinzipal am kleinen Tisch zusammen, und dem Hausherrn war anzusehen, wie lieb ihm das persönliche Verhältniß zu einem Manne wurde, der so innig mit den Interessen seines Geschäfts verwachsen war und in dessen frischem und geordnetem Sinn er ein Bild seiner eigenen Jugend erblickte.

Für Sabine wurden diese Stunden ein Genuß. Es war ihr ein freudiger Fund, wenn sie im Gespräch über die Neuigkeiten des Tages, über ein gelesenes Buch, über Erlebtes und Gefühltes wahrnahm, daß der Mann, der jahrelang so nahe an ihnen gelebt hatte, in so Vielem mit ihr übereinstimmte. Seine Bildung, sein Urtheil überraschten sie, sie sah ein ehrliches Gemüth plötzlich in glänzenden Farben vor sich stehen, wie der Reisende staunend auf eine reiche Landschaft blickt, die ihm wogender Nebel lange verhüllt hat.

Friedlich fanden sich die Collegen in die ungewöhnliche Stellung ihres Genossen. Daß er dem Prinzipal das Leben gerettet hatte, wußten sie aus dem eigenen Munde des Chefs, und dieser Zufall wurde selbst für Herrn Pix ein Grund, die Einladungen Antons in das Vorderhaus ohne Bemerkung zu ertragen. Anton that das Seine, dem Comtoir seine Persönlichkeit werth zu erhalten. An freien Abenden lud er die Einzelnen auf sein Zimmer, nicht selten kam die ganze Gesellschaft bei ihm zusammen. Jordan beklagte sich lächelnd, daß er schon bei Lebzeiten vergessen sei, und das Comtoir gewöhnte sich, in Anton seinen Nachfolger, den stillen Rathgeber der Jüngeren zu sehen. Am liebsten war Anton mit Baumann zusammen, der in dem letzten halben Jahre wieder einige starke Anwandlungen von Missionsgelüsten gehabt hatte und jetzt nur durch die Ueberzeugung zurückgehalten wurde, daß in der schwierigen Gegenwart ein geübter Calculator nicht fehlen dürfe. Am eifrigsten aber bemühte sich um Antons Gunst der phantasiereiche Specht. Ihm hatte der Reisende einen romantischen Heiligenschein bekommen. Was Anton etwa erfahren hatte, das malte die Phantasie des Herrn Specht mit den grellsten Farben aus. Er war geneigt, anzunehmen, daß der College außer den Abenteuern, welche er eingestand, noch unendlich reizende und furchtbare erlebt hatte, die zu verbergen er durch geheimnißvolle Verhältnisse gezwungen war.

Leider war Specht's eigene Stellung zu den Collegen während Antons Abwesenheit mächtig erschüttert worden. Er war immer der Gegenstand gewesen, an welchem sich die gute Laune der Andern aufzurichten liebte, wie die Schlingpflanze an einem dünnen Bäumchen, und oft war er von den Blüthen fremden Witzes fast erstickt worden. Jetzt sah Anton mit Bedauern, daß der gute Herr Specht in dem Zustand allgemeiner Mißachtung lebte. Sogar sein Quartett hatte ihn aufgegeben, wenigstens schwebte zwischen ihm und den beiden Bässen eine finstere Wolke des Mißmuths. So oft Specht eine Behauptung aufstellte, welche nicht ganz unbestreitbar war, zuckte Pix die Achseln und warf ihm mit Verachtung das ungehörige Wort »Kürbis« entgegen. Fast Alles, was Specht sagte, war »Kürbis«; sogar bei Tische kugelte dieser Pflanzenkörper in den untern Regionen von einem Munde zum andern, und so oft das Wort ausgesprochen wurde, gerieth Herr Specht in leidenschaftlichen Zorn, brach tief gekränkt das Gespräch ab und zog sich aus der Gesellschaft der Andern in sich selbst zurück.

Anton besuchte an einem Abend den Verfehmten auf seinem Zimmer. Schon vor der Thür hörte er die scharfe Stimme des Collegen, welcher das berühmte Lied: »Hier sitz' ich auf Rasen mit Veilchen bekränzt« von dem erhabenen Ort seiner Behausung — Herr Specht wohnte drei Treppen hoch — in das Haus hinunter sang. Als Anton leise die Thür öffnete, saß Specht in kunstvoller Attitude, graziös auf einen Arm gestützt, bei seiner Lampe am Tisch und sang mit so innigem Behagen, daß Anton einige Augenblicke stehen blieb, den Begeisterten nicht zu stören. Es war kein großes Zimmer, welches Specht bewohnte, und die Erfindungskraft des Herrn hatte jahrelang gearbeitet, demselben einen Charakter zu geben, welcher von dem Wesen gewöhnlicher Stuben verschieden war. Es sah in der That keiner andern irdischen Behausung ähnlich. Alle Wände waren mit Bildern überzogen, mit Portraits berühmter Künstlerinnen, viele im Costüm ihrer Rolle, dazwischen ragten zahlreiche Consolen, auf denen kleine Vasen, Muscheln und Thonfiguren und andere Merkwürdigkeiten standen. Da der Consolen mehr waren, als der darauf zu stellenden Gegenstände, so hatte Specht die leeren mit Tassen und Champagnerflaschen interimistisch besetzt. Ueber dem Bett hing ein großer Ritterschild von glänzendem Messingblech, daneben große Fechthandschuhe und ein Köcher mit Pfeilen. Ueber den Pfeilen war ein Zettel an die Wand geschlagen, mit einem gemalten Todtenkopf und zwei gekreuzten Knochen und dem warnenden Wort: »Vergiftet!« Dahinter drei Ausrufungszeichen.

Am auffälligsten aber war die Mitte des Zimmers eingerichtet. Dort schwebte etwas über Manneshöhe ein ungeheurer Reifen, durch Bindfaden an einem Haken der Decke festgehalten. Darunter standen große Thongefäße, mit Erde gefüllt, und von den Gefäßen liefen zahlreich gespannte Schnüre bis zu dem Reifen. Unter dem Reifen stand ein Gartentisch aus knorrigen Baumästen und einige Stühle aus Weidenruthen. Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer ein durchaus unerhörtes Aussehen, und die freie Bewegung der darin befindlichen Gliedmaßen wurde für jeden Andern, als den erfahrenen Bewohner sehr schwierig. Es war nicht abzusehen, welchen Zweck diese geheimnißvolle Vorrichtung hatte. Allerdings erinnerten der wilde Tisch, die Stühle und Erdtöpfe den menschlichen Geist gewissermaßen an Garten und freie Natur, während wieder die ausgespannten Schnüre eine entfernte Aehnlichkeit mit Strickleitern hatten, welche zum Mastkorb eines Schiffes hinaufführen. Zuletzt neigte sich Anton zu der Ansicht, daß diese Erfindung eine Menschenfalle vorstelle, welche nach dem Muster eines Spinngewebes gebaut und darauf berechnet war, die Köpfe und Beine boshafter Collegen festzuhalten. Wenigstens saß Specht selbst als Dirigent in der Mitte des Netzwerks, und sein Sirenengesang konnte wohl darauf berechnet sein, die Eintretenden durch vorgespiegelten grünen Rasen und falsche Veilchenkränze in's Garn zu locken.

Anton blieb außerhalb der Falle stehen und rief endlich Specht von der Thür an: »Was zum Henker haben Sie in Ihrem Salon für ein Bindfadensystem ausgebreitet?«

Specht sprang auf und versetzte mit glänzenden Augen: »Es ist eine Laube.«

»Eine Laube? Ich sehe ja nichts Grünes.«