Schonend gab Anton das zu. »Ich muß wissen, wie es zwischen dem Freiherrn und meinem Vater steht,« fuhr Bernhard fort; »ich muß wissen, was zu thun ist, um der Familie aus ihrer Verlegenheit zu helfen. Ich kann helfen,« fuhr der Kranke fort, und wieder flog ein matter Strahl von Freude über sein Antlitz. »Mein Vater liebt mich. Er liebt mich sehr, jetzt in meiner Schwäche habe ich empfunden, daß sein Herz an mir hängt. Wenn er des Abends an mein Bett kommt und mit seiner Hand über meine Stirn streicht, wenn er sich mir gegenübersetzt, wo Sie sitzen, und mich stundenlang kummervoll ansieht, — Wohlfart, er ist ja doch mein Vater.« Er schlug die Hände zusammen und verbarg sein Haupt in den Kopfkissen. »Sie müssen mir helfen, mein Freund,« fuhr er wieder fort, »Sie müssen mir sagen, was geschehen kann, den Freiherrn zu retten. Ich fordere das von Ihnen. Ich selbst werde meinen Vater fragen. Ich fürchte mich vor der Stunde, wo ich mit ihm darüber spreche, aber nach dem, was Sie mir gesagt haben, sorge ich, auch er weiß nicht Alles, oder« fuhr er murmelnd fort, »er wird mir nicht Alles sagen. Sie aber müssen den Freiherrn selbst aufsuchen.«

»Vergessen Sie nicht, Bernhard,« erwiederte Anton, »daß es auch dem reinsten Willen nicht erlaubt ist, sich so in die Verhältnisse eines Andern einzudrängen. Wie gut unsere Absicht sein mag, dem Freiherrn bin ich ein Fremder. Mein Vermitteln wird ihm, wie Ihrem Vater, leicht als vorlaute Anmaßung erscheinen, und ich fürchte, wir werden auf diesem Weg wenig erfahren. Ich sage nicht, daß der Schritt unnütz ist, aber ich halte ihn für unsicher. Eher wird es möglich sein, daß Sie selbst auf die Maßregeln Ihres Vaters Einfluß gewinnen.«

»Gehen Sie doch zum Freiherrn,« bat Bernhard dringend, »und wenn er selbst gegen Sie verschlossen bleibt, so fragen Sie das Fräulein. Ich habe sie gesehen,« fuhr er fort, »ich habe es Ihnen verschwiegen, wie der Mensch sein liebstes Geheimniß verhüllt, heut sollen Sie auch das erfahren. Ich weiß, wie schön sie ist, wie stolz ihre Haltung, wie edel ihre Geberde. Wenn sie über den Rasen schritt, war sie wie eine Königin der Natur, ein heller Schimmer glänzte um ihr Haupt; wo sie hinsah, neigte sich Alles vor ihrem Blick — ihre Zähne wie Perlen und ihre Brüste wie Rosenhügel,« sagte er leise und sank in die Kissen zurück mit gefalteten Händen und blitzenden Augen.

»Auch er!« rief es in Anton. »Mein armer Bernhard, Sie schwärmen.«

Bernhard schüttelte den Kopf. »Seit dem Tage weiß ich, daß unser Leben nicht grau ist,« sagte er lächelnd; »es ist nicht grau, aber es ist grausig. Wollen Sie jetzt mit dem Freiherrn und mit seiner Tochter sprechen?«

»Ich will,« sagte Anton aufstehend. »Aber ich wiederhole Ihnen, ich beginne etwas Auffallendes, das leicht neue Verwickelungen herbeiführen kann, auch für uns beide.«

»Wer so daliegt, wie ich, der fürchtet keine Verwickelungen,« sagte Bernhard, »und Sie,« fuhr er fort und sah Anton prüfend an, »Sie werden in Ihrem Leben sein, was Sie mir heut gesagt haben, ein Mann, welcher sich durchschlägt, und wenn er auch Wunden erhält, seine Aufgabe ist, mit dem Geschick zu kämpfen. Mich, Anton Wohlfart, mich wird der Sturmwind verwehen.«

»Kleinmüthiger,« rief Anton weich, »das spricht die Krankheit aus Ihnen. Der Muth wird Ihnen mit der Genesung zurückkehren.«

»Hoffen Sie?« frug der Kranke zweifelnd; »oft thue ich's auch, nur manchmal überfällt mich die Muthlosigkeit. Ja ich will leben, und anders will ich leben, als bisher, ich will alle Mühe daran setzen, stärker zu werden, ich werde nicht mehr so viel träumen als jetzt, mich nicht mehr aufregen und quälen in meiner Kammer. Ich will versuchen, wie man lebt, wenn man ein tüchtiger Mann ist, der jeden Streich zurückgiebt, den er empfängt,« so rief er mit gerötheten Wangen und streckte die Hand dem Freunde entgegen.

Anton beugte sich zu ihm nieder, dann verließ er das Zimmer.