»Mein theurer Bernhard,« erwiederte Anton, »bevor ich dem Sohn eine solche Frage beantworte, muß ich erst wissen, weßhalb er einen Dritten frägt. Wenn Sie es nur thun, um durch meine Ansicht Ihr Urtheil über die Geschäfte Ihres Vaters zu vervollständigen, so muß ich Ihnen die Antwort verweigern, gleichviel, wie sie ausfallen würde. Denn was ich etwa kenne, sind nur die kalten, vielleicht unfreundlichen Ansichten Fremder, und solche Auffassung soll der Sohn eines Geschäftsmannes niemals zu der seinigen machen.«
»Ich frage,« sagte Bernhard feierlich, »weil ich um das Wohl Anderer in großer Sorge bin, vielleicht kann Ihre Antwort mehreren Menschen Angst und Noth ersparen.«
»Dann,« sagte Anton, »will ich Ihnen antworten. Ich kenne keine einzelne Handlung Ihres Vaters, welche nach kaufmännischen Begriffen unehrenhaft ist. Ich weiß nur, daß er zu der großen Klasse von Erwerbenden gezählt wird, welche bei ihren Geschäften nicht sehr darnach fragen, ob ihr eigener Vortheil durch Verluste Anderer erkauft wird. Herr Ehrenthal gilt für einen vorsichtigen und gewandten Mann, dem die gute Meinung solider Männer weniger gleichgültig ist, als hundert Andern. Er wird vielleicht Manches thun, was ein Kaufmann von sicherem Selbstgefühl vermeidet, aber er wird sicher auch gegen Vieles Widerwillen empfinden, was gewissenlose Speculanten um ihn herum wagen.«
Wieder kam ein zitternder Seufzer von den Lippen des Kranken, ein peinliches Schweigen folgte. Endlich erhob sich Bernhard und sprach so nahe an Antons Ohr, daß dieser den heißen Athem des Kranken auf seiner Wange fühlte: »Ich weiß, Sie kennen den Baron Rothsattel.« Anton sah erstaunt auf. »Das Fräulein hat mir selbst gesagt, daß sie eine Bekannte von Ihnen ist.«
»Es ist so, wie Fräulein Lenore sagt,« erwiederte Anton, mit Mühe seine Aufregung verbergend.
»Wissen Sie etwas von der Verbindung meines Vaters mit dem Freiherrn?« frug Bernhard weiter.
»Nur wenig,« sagte Anton, »nur was Sie selbst mir gelegentlich erzählt haben, daß Herr Ehrenthal dem Freiherrn Geld auf sein Gut geliehen hat. Jetzt in der Fremde habe ich gehört, daß dem Freiherrn irgend eine Gefahr droht, ich habe sogar Veranlassung gehabt, ihn vor einem Intriganten zu warnen.« Bernhard starrte angstvoll auf Antons Lippen, Anton schüttelte den Kopf; »es war aber Jemand,« sagte er, »der Ihrem Hause nicht fremd ist, Ihr Buchhalter Itzig.«
»Er ist ein Schurke,« rief Bernhard heftig und ballte seine magere Hand. »Er ist eine gemeine niederträchtige Natur. Von dem ersten Tage, wo er in unser Haus kam, habe ich einen Abscheu gegen ihn gefühlt, wie gegen ein unreines Thier.«
»Es scheint mir,« fuhr Anton fort, »daß Itzig, den auch ich aus früheren Zeiten kenne, hinter dem Rücken Ihres Vaters gegen den Freiherrn arbeitet. Die Warnung, welche mir im Interesse des Freiherrn kam, war so dunkel, daß ich wenig daraus zu machen wußte; ich konnte nichts thun, als sie dem Freiherrn so mittheilen, wie ich sie selbst erhielt.«
»Dieser Itzig beherrscht meinen Vater,« flüsterte Bernhard; »er ist ein böser Geist in unserer Familie; wenn mein Vater egoistisch gegen den Freiherrn handelt, so trägt dieser Mensch die Schuld.«