»Das ist unser alter Streit,« sagte Anton heiter, »sind Sie noch nicht bekehrt, Ungläubiger?«

Bernhard zupfte mit dem Finger an seiner Bettdecke und antwortete niedersehend: »Vielleicht bin ich's doch, Wohlfart.«

»Ei,« rief Anton neckend, »und wer hat Ihre Bekehrung bewirkt? War's etwas, was Sie erlebt haben? Gewiß, so muß es sein.«

»Was es auch war,« sagte Bernhard mit einem Lächeln, das sein Gesicht wie ein heller Schein überflog, »ich glaube, daß es auch bei uns Schönheit und Liebenswürdigkeit giebt, ich glaube, daß auch bei uns das Leben große Leidenschaften bringen kann, heilige Freuden und bittere Schmerzen. Und ich glaube,« fuhr er traurig fort, »daß man auch bei uns unter dem Druck eines furchtbaren Schicksals untergeht.«

Besorgt hörte Anton diese Worte und sah, wie das große Auge des Kranken begeistert in die Höhe blickte. »Gewiß ist es, wie Sie sagen,« erwiederte er endlich, »aber das Allerschönste, was diesem Leben den höchsten Werth giebt, ist doch, wenn die Kraft des Menschen größer ist, als Alles, was auf ihn eindringt. Ich lobe mir einen Mann, der sich Leidenschaften und ein ernstes Schicksal nicht über den Kopf wachsen läßt, der selbst, wenn er Unrecht gethan hat, sich immer wieder herauszureißen weiß.«

»Wenn es aber zu spät ist und wenn die Macht der Verhältnisse stärker wird, als er?«

»Ich glaube nicht gern an die Macht der Verhältnisse,« sagte Anton. »Ich denke mir, wenn Einer noch so sehr umdrängt ist, und er will nur eine tüchtige Kraft daran setzen, so kann er sich wohl heraushauen; er wird Wunden davon tragen, wie ein Soldat in der Schlacht, aber sie werden ihm gut stehen. Und wenn er die Rettung nicht findet, so kann er wenigstens kämpfen als ein Tapferer. Und wenn er so unterliegt, werden die Augen Aller mit Theilnahme auf ihm ruhen. Nur wer sich ohne Widerstand ergiebt, wenn das Wetter hereinbricht, den verweht der Wind von dieser Erde.«

»Eine Flaumfeder wird durch kein Gebet in Stein verwandelt, sagt der Dichter,« erwiederte Bernhard und schnellte mit dem Finger eine Feder von seinem Kissen in die Luft. »Ich will Sie etwas fragen, Wohlfart,« fuhr er nach einer Weile fort, »kommen Sie näher heran. Denken Sie, ich wäre ein Christ, und Sie mein Beichtvater, vor dem man keine Geheimnisse haben möchte.« Er sah unruhig auf die Thür des Nebenzimmers und frug leise: »Was halten Sie von dem Geschäft meines Vaters?«

Betroffen fuhr Anton zurück, Bernhard sah in ängstlicher Spannung auf den Freund: »Ich verstehe wenig von diesen Dingen, ach, vielleicht zu wenig. Ich will nicht wissen, ob er für reich oder arm gilt, aber ich frage Sie als meinen Freund, was halten fremde Menschen von der Art, wie er sein Geld erwirbt? Es ist schrecklich und vielleicht ein großes Unrecht, daß ich, sein Sohn, so frage, aber mich zwingt etwas, dem ich nicht widerstehen kann. Seien Sie ehrlich gegen mich, Wohlfart.« Er erhob sich in seinem Bett und sagte, den Arm um Antons Hals legend, diesem in's Ohr: »Gilt mein Vater bei Männern Ihrer Art für rechtschaffen?«

Antons Herz zog sich von innigem Mitgefühl zusammen, er durfte nicht sagen, was er dachte, und er durfte nicht lügen. So schwieg er eine Weile, der Kranke sank in seine Kissen zurück und ein leises Stöhnen zitterte durch die Stube.