»Erlaubt der Arzt Ihnen nicht, auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint, komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.«
»Ja,« rief Bernhard, »Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas erzählen.« Er sah sich vorsichtig um. »Ich habe heut durch die Stadtpost einen Zettel ohne Unterschrift erhalten.« Er zog unter seinem Kopfkissen einen kleinen Brief hervor und übergab ihn mit geheimnißvoller Miene dem Freund: »Nehmen Sie, vielleicht kennen Sie die Hand.«
Anton ging zum Fenster und las: »Der Baron Rothsattel will Sie heut gegen Abend sprechen. Sorgen Sie dafür, daß Sie mit Ihrem Vater allein sind.«
Als Anton den Brief zurückgab, betrachtete Bernhard das Papier andächtig und steckte es wieder unter die Kissen. »Kennen Sie die Hand?« frug er.
»Nein,« erwiederte Anton, »die Schrift scheint verstellt, die Hand des Fräuleins ist es nicht.«
»Wer auch der Schreiber ist,« fuhr Bernhard kleinlaut fort, »ich hoffe Gutes von dem heutigen Abend. Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit Centnerschwere auf der Brust, er nimmt mir den Athem, wie ein Gewicht fühle ich den Druck. Heut soll das besser werden, heut werde ich frei.«
Das Sprechen machte ihm Mühe. Nur in kurzen Sätzen fiel die Rede von seinen Lippen. »Also Wiedersehen auf morgen,« rief Anton. Als er sich erhob, knisterten weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an das Bett des Kranken und begrüßten den Gast. »Wie geht's, Bernhard?« frug die Mutter, »du wirst heut mit deinem Vater allein sein, es ist heut große musikalische Akademie, die Rosalie wird auf dem Flügel spielen. Wir haben den Flügel in die Hinterstube gerückt, Herr Wohlfart, damit sie den Bernhard nicht durch ihre Uebungen stört.«
»Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter,« sagte Bernhard, »ich habe dich lange nicht in deinen schönen Kleidern gesehen. Du siehst heut hübsch aus, ein solches Kleid trugst du, als ich als Knabe das Scharlachfieber bekam. Wenn ich von dir träume, sehe ich dich immer in dem gelben Gewand vor mir. Gieb mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut Abend Musik hörst, denke auch an deinen Bernhard, ich werde hier eine stille Musik machen.«
Die Mutter setzte sich zu ihm. »Er hat wieder das Fieber,« sprach sie zu Anton. Anton stimmte schweigend bei.