Sie rückte Anton einen Sessel hin und ließ ihn von dem Freunde erzählen. Mit warmem Antheil lauschte sie auf jedes Wort, liebevoll wußte sie zu fragen und zu trösten. Für Anton war es ein Bedürfniß, von dem Freunde zu sprechen, und beredt schilderte er ihr sein stilles Treiben, seine Gelehrsamkeit und sein enthusiastisches Gefühl. Da nach einer Pause sah ihm Sabine herzlich in die Augen und frug: »Haben Sie Nachricht von Herrn von Fink?«
Es war das erste Mal, daß sie gegen Anton den Namen über die Lippen brachte. Er fühlte das Rührende des Vertrauens, daß sie gerade in dieser Stunde nach dem Geliebten ihrer Seele frug. In seiner Bewegung faßte er ihre Hand, die vor ihm auf dem Tische lag. Langsam zog sie die Hand zurück und schlug die Augen nieder. Nur einen Augenblick, dann sah sie ihm wieder freundlich in's Gesicht.
»Er fühlt sich in dem neuen Leben nicht glücklich,« sagte Anton ernst. »In seinem letzten Brief war eine grimmige Laune, und ich schließe daraus noch mehr, als aus seinen Worten, daß dort Vieles nicht so ist, wie er es erwartet hat. Die Geschäfte, in welche er durch den Tod seines Onkels hineingeworfen wurde, gefallen ihm nicht.«
»Sie sind unwürdig,« rief Sabine schnell.
»Wenigstens nicht, was in diesem Hause ehrenhaft heißt,« erwiederte Anton. »Fink denkt zu groß und hat zu lange in der Nähe Ihres Bruders gelebt, als daß ihn die wüsten Speculationen erfreuen könnten, welche dort drüben nur zu gewöhnlich sind. Seine Geschäftsfreunde sind zum großen Theil gewissenlose Menschen, und seine Seele empört sich gegen ihre Genossenschaft.«
»Und kann Herr von Fink ein solches Verhältniß auch nur einen Tag ertragen?« frug Sabine.
»Es ist ein merkwürdiges Schicksal,« antwortete Anton, »daß er, der seinen eigenen Willen gegen Andere so souverain geltend macht, gerade er, der so wenig geneigt ist, äußerm Zwang zu gehorchen, doch in seiner gegenwärtigen Thätigkeit überall mit gebundenen Händen arbeitet. Der ganze Mechanismus dieser Speculationen ist in Amerika so fest organisirt, daß ein einzelner Theilhaber wenig daran ändern kann. Und so ist die Lage Finks jetzt, wo er seine Wünsche erreicht hat, große Capitalien, Disposition über viele Quadratmeilen Landes, zweifelhafter als je in seinem Leben. Er war immer in Gefahr, gering von andern Menschen zu denken, jetzt ängstigt mich die herbe Verachtung, mit welcher er von seinem eigenen Leben spricht. Sein letzter Brief schilderte eine unerträgliche Lage und ließ irgend einen gewaltsamen Entschluß ahnen.«
»Es giebt für ihn nur einen Entschluß,« rief Sabine. »Darf ich fragen, was Sie ihm geantwortet haben?«
»Ich habe von ihm gefordert, sich auf der Stelle unter jeder Bedingung von diesen Geschäften zu lösen. Seinem ernsten Willen wird ein Weg dazu sich bieten, auch wenn der Ausweg, den ich ihm vorschlug, unmöglich sein sollte. Und ich habe ihn gebeten, entweder seinen alten Plan auszuführen und ein wirklicher Gutsbesitzer in Amerika zu werden, oder zu uns zurückzukehren.«