»Ich wußte, daß Sie so schreiben würden,« sagte Sabine tief aufathmend. »Ja, er soll zurückkehren, Wohlfart,« wiederholte sie leiser, »aber nicht zu uns soll er kommen.« — Anton schwieg.
»Und glauben Sie, daß Herr von Fink Ihrem Rath folgen wird?«
»Ich weiß es nicht,« erwiederte Anton langsam, »mein Rath war wenig amerikanisch.«
»Aber er war, wie Sie ihn geben mußten,« sagte Sabine mit freudigem Stolz.
»Ein Offizier wünscht Herrn Wohlfart zu sprechen,« unterbrach sie der eintretende Diener. — Anton sprang auf. Sabine trat zu ihren Blumen und beugte sich traurig über die grünen Blätter. Noch schwebte der Schatten des Andern zwischen ihr und ihm.
Die hastigen Worte des Meldenden erfüllten Anton mit einer unbestimmten Angst, er eilte in das Vorzimmer. Dort stand Eugen von Rothsattel. Anton wollte ihm mit warmem Gruß entgegeneilen, da sah er das verstörte Gesicht und trat erschrocken zurück. Eugen aber flüsterte ängstlich wie mit bösem Gewissen: »Meine Mutter wünscht Sie zu sprechen, es ist etwas Schreckliches bei uns vorgefallen.« Anton griff nach seinem Hut und sprang nach dem Comtoir, wo er schnell Baumann bat, ihn beim Prinzipal zu entschuldigen; dann begleitete er den Lieutnant nach der Wohnung des Freiherrn. Vernichtet ging Eugen an Antons Seite, er hatte alle Fassung verloren. Unzusammenhängend und für Anton nicht ganz verständlich war, was er sagte: »Mein Vater hat sich gestern Abend aus Versehen durch einen Schuß verwundet, — ein reitender Bote hat mich aus der Garnison nach der Hauptstadt gerufen — als ich ankam, fand ich die Mutter in Ohnmacht. Wohl eine Stunde hat sie darin gelegen. Ich und die Schwester wissen uns keinen Rath. Lenore hat die Mutter auf den Knieen gebeten, zu Ihnen zu schicken. Sie sind der einzige Mensch, zu dem wir in unserer Noth Vertrauen haben. Ich verstehe nichts von Geschäften, aber es muß mit dem Vater sehr schlecht stehen. Die Mutter ist ganz außer sich. Alles im Hause ist in der größten Unordnung.«
Aus dem, was er sagte und was er zu verschweigen suchte, aus seinen abgerissenen Reden und seinem angstvollen Blick ahnte Anton Einiges von den Schrecken des letzten Abends. In dem Wohnzimmer der Baronin traf er Lenore; verweint, erschöpft wankte sie ihm entgegen. »Lieber Wohlfart,« rief sie, seine Hand fassend; von Neuem begann sie zu schluchzen, und kraftlos sank ihr Haupt an seine Schulter. Unterdeß ging Eugen mit gerungenen Händen in der Stube auf und ab, setzte sich endlich in eine Sophaecke und weinte still vor sich hin.
»Es ist gräßlich, Herr Wohlfart,« klagte Lenore sich aufrichtend. »Niemand darf zum Vater, nicht Eugen, nicht ich, die Mutter allein und der alte Johann sind um ihn. Und heut früh war der Kaufmann Ehrenthal hier, er wollte durchaus mit dem Vater sprechen, er schrie laut gegen die Mama, er schalt den Vater einen Betrüger, so daß die Mutter zu Boden sank. Als ich in das Zimmer stürzte, ging der schreckliche Mensch fort und drohte noch mit der Faust nach uns.«
Anton führte Lenore in einen Sessel und wartete, bis sie sich erholt hatte. Hier zu trösten war unmöglich, ihn selbst erschütterte der Jammer im tiefsten Herzen. »Ruf' die Mutter, Eugen,« sagte Lenore endlich. Der Bruder eilte hinaus. »Verlassen Sie uns nicht,« bat Lenore mit gerungenen Händen. »Es ist zum Aeußersten mit uns gekommen, auch Ihre Hülfe vermochte nicht, das Unglück abzuwenden.«
»Er ist todt, der es vielleicht gekonnt hätte,« erwiederte Anton traurig. »Ob ich Ihnen nützen kann, weiß ich nicht; daß ich den guten Willen habe, daran werden Sie nicht zweifeln.«