»Nein,« rief Lenore, »auch Eugen dachte sogleich an Sie.«

Die Baronin trat herein. Sie ging mühsam auf Anton zu und stützte sich mit der Hand an einen Stuhl, aber sie begrüßte ihn mit Haltung. »Wir sind in eine Lage gekommen, in der uns ein Freund nöthig ist, welcher mit Geschäften mehr Bescheid weiß, als wir Drei. Ein unglücklicher Zufall verhindert den Freiherrn, wahrscheinlich für längere Zeit sich um seine Angelegenheiten zu kümmern, und so wenig ich davon verstehe, so sehe ich doch, daß schnelle Thätigkeit in unserm Interesse nothwendig wird. Meine Kinder haben mir Ihren Namen genannt, ich muthe Ihnen viel zu, wenn ich Sie bitte, unsern Wünschen Ihre Zeit zu opfern.« Sie setzte sich, winkte Anton, Platz zu nehmen, und sagte zu den Kindern: »Verlaßt uns, ich werde Herrn Wohlfart das Wenige, das ich weiß, leichter sagen, wenn ich Euren Schmerz nicht sehe.«

Als sie allein waren, winkte sie Anton näher an sich heran und versuchte zu sprechen, aber ihre Lippe zuckte, und sie verbarg ihr Gesicht hinter dem Taschentuch.

Anton sah gerührt auf den Kampf, den ihr die Mittheilung kostete: »Bevor ich zugeben kann, daß Sie, gnädige Frau, mir ein so ehrenvolles Vertrauen schenken, muß ich Sie in Ihrem Interesse fragen: hat nicht Ihr Herr Gemahl einen Verwandten oder nahen Freund, dem Sie eine discrete Mittheilung leichter machen würden? Ich bitte Sie, daran zu denken, daß meine eigene Geschäftserfahrung nicht groß, und meine Stellung nicht von der Art ist, daß ich für einen geeigneten Rathgeber des Herrn Barons gelten könnte.«

»Ich weiß Niemanden,« sagte die Baronin trostlos und starrte vor sich hin. »Es wird mir leichter, Ihnen zu sagen, was ich nicht verschweigen darf, als einem von den Bekannten unsers Hauses. Betrachten Sie sich als einen Arzt, der zu Kranken gerufen wird. — Der Freiherr hat mir heute früh einige Mitteilungen über seine Vermögensverhältnisse gemacht.«

Und jetzt erzählte sie ihm, was sie von den Verwickelungen ihres Gemahls verstanden hatte, von der Gefahr, in welcher das Familiengut schwebte, von dem Capital, dessen er bedurfte, um die polnische Herrschaft zu übernehmen. Es war unvollständig, was sie zu sagen wußte, aber es reichte hin, Anton mit banger Sorge um die Zukunft der Familie zu erfüllen.

»Mein Mann hat mir den Schlüssel zu seinem Secretair übergeben; er wünscht, daß Eugen mit einem Sachverständigen unsere Angelegenheiten ruhiger, als der Freiherr selbst, berathe. An Sie habe ich die Bitte, daß Sie mit meinem Sohn diese Prüfung vornehmen. Wo Sie Auskunft brauchen, werde ich Ihnen diese von dem Freiherrn zu verschaffen suchen. Es frägt sich nun, ob Sie geneigt sind, für uns, die wir Ihnen doch Fremde sind, diese Mühe zu übernehmen.«

»Gern bin ich dazu bereit,« erwiederte Anton ernst, »und ich hoffe durch die Güte meines Chefs die dazu nöthige Zeit zu erhalten; wenn Sie es nicht für zweckmäßiger finden, dem erfahrenen Anwalt Ihres Gemahls diese Thätigkeit zu überweisen.«

»Es wird ja wohl später Gelegenheit sein, diesen Herrn um seinen Rath zu fragen,« sagte die Baronin abwehrend.

Anton erhob sich. »Wann befehlen Sie, daß wir anfangen?«