»Sogleich,« erwiederte die Dame, »ich fürchte, es ist kein Tag zu verlieren. Ich werde mir Mühe geben, Ihnen bei Durchsicht der Papiere zu helfen.« Sie führte Anton in das Nebenzimmer, rief Eugen herzu und steckte den Schlüssel in das Bureau des Freiherrn. Als sich der Schrank öffnete, verlor auch sie auf einen Augenblick die Selbstbeherrschung, und ihrem Mund entglitten die Worte: »Die Hinterlassenschaft eines Todten!« Sie wankte an das Fenster, und die zitternde Bewegung der Gardine verrieth den Kampf, in dem ihr Körper erbebte.

Die traurige Arbeit begann, Stunde auf Stunde verlief, Eugen war nicht im Stande, die Durchsicht zu ertragen, aber die Mutter reichte Anton die Briefe und Documente zu, welche sie für nützlich hielt, und so oft sie auch ihre Thätigkeit unterbrechen mußte, sie hielt aus. Anton ordnete das Vorhandene und suchte bei flüchtiger Durchsicht einzelner Schreiben wenigstens zu einem oberflächlichen Verständniß zu kommen.

Es war Abend geworden, da öffnete der alte Diener erschrocken die Thür und rief in das Zimmer: »Er ist wieder da.« Die Baronin stieß einen leisen Schrei aus und machte mit der Hand eine abweisende Bewegung.

»Ich habe ihm gesagt, daß Niemand zu Hause ist, er aber läßt sich nicht fortschicken, er lärmt auf der Treppe, ich kann nicht mit ihm fertig werden.«

»Es ist mein Tod, wenn ich ihn wieder höre,« murmelte die Baronin.

»Wenn der Mann Ehrenthal ist,« sagte Anton aufstehend, »so will ich versuchen, ihn fortzuschaffen. Das Nöthigste ist hier geschehen; haben Sie die Güte, die Papiere zu bewahren und mir zu erlauben, daß ich morgen wieder komme.« Die Baronin winkte stumm eine Bejahung und sank in den Stuhl zurück. Anton ergriff seinen Hut und eilte in das Vorzimmer, wo er schon von weitem die lärmende Stimme Ehrenthals vernahm.

Er erschrak über das Aussehen des Händlers. Den Hut weit nach dem Nacken zurückgesetzt, das bleiche Gesicht wie vom Trunk aufgedunsen, die gläsernen Augen geröthet, stand Ehrenthal vor ihm und rief in abgebrochenen Sätzen nach dem Freiherrn, klagte und fluchte. »Er soll kommen,« schrie er, »auf der Stelle soll er kommen, der schlechte Mann. Ein Edelmann will er sein, ein Lump ist er, gegen den ich werde holen die Polizei. Wo ist mein Geld, wo ist meine Hypothek? Ich will wieder haben meine Sicherheit von diesem Mann, welcher nicht ist zu Hause.«

Anton trat dicht an ihn heran und sagte mit fester Stimme: »Kennen Sie mich, Herr Ehrenthal?« Ehrenthal richtete seine verglasten Augen auf ihn, allmählig erkannte er den Freund des verstorbenen Sohnes.

»Er hat Sie lieb gehabt,« rief er kläglich, »er hat mit Ihnen gesprochen mehr als mit seinem Vater. Sie sind gewesen sein einziger Freund, den er gehabt hat auf Erden. — Haben Sie gehört, was geschehen ist im Hause bei Ehrenthal?« fuhr er flüsternd fort. — »Als sie gestohlen haben die Papiere, ist er gestorben. Er ist gestorben mit einer solchen Hand.« Er ballte die Faust und schlug sich vor die Stirn. »O mein Sohn, mein Sohn, was hast du nicht verziehen deinem Vater!«

»Wir gehen zu Ihrem Sohn,« sprach Anton und ergriff den Arm des Händlers. Ehrenthal leistete keinen Widerstand und ließ sich von ihm die Treppe hinunter nach seinem Hause führen.