Den Tag darauf trat Anton in das Zimmer der Baronin. Lenore und die Mutter saßen an einem großen Tisch unter Toiletten und Kästchen von jeder Form; ein Koffer, stark mit Eisen beschlagen, stand zu den Füßen der Edelfrau. Die Vorhänge waren geschlossen, das gedämpfte Sonnenlicht füllte den reichgeschmückten Raum mit mattem Glanz; auf dem Teppich des Fußbodens lagen nimmer welkende Kränze, und lustig tickte die Uhr im Gehäuse von Alabaster. Unter blühender Myrthe saßen zwei Sympathievögel in einem versilberten Käfig, sie schrieen unaufhörlich einander zu, und wenn der eine zur nächsten Stange hinabflatterte, lockte der Genosse ihn ängstlich, bis er zurückflog. Dann saßen beide behaglich dicht an einander gedrückt. Von grünem und rothem Gold schimmerten die zärtlichen Kinder eines wärmeren Himmels, wo nie das weiche Leben im kalten Sturmwind erstarrt. So glänzte und duftete das Zimmer. — »Wie lange noch?« dachte Anton.
Die Baronin erhob sich: »Schon wieder bemühen wir Sie. Wir sind bei einer Arbeit, die uns Frauen viel zu thun macht.«
Auf dem Tische war Frauenschmuck, goldene Ketten, Brillanten, Ringe, Halsbänder in einem Haufen zusammengeschichtet. »Wir haben ausgesucht, was wir entbehren können,« sagte die Baronin, »und bitten Sie, den Verkauf dieser Sachen zu übernehmen. Man hat mir gesagt, daß Einzelnes davon nicht ohne Geldwerth ist, und da jetzt vor Allem Geld nöthig wird, so suchen wir hier eine Hülfe, welche die Sorge unserer Freunde verringert.«
Anton sah betroffen auf den blitzenden Knäuel. »Sprechen Sie, Wohlfart,« rief Lenore ängstlich, »ist das nöthig und kann es etwas nützen? Mama hat darauf bestanden, unsern ganzen Schmuck und alles Silber, das wir nicht täglich gebrauchen, zum Verkauf zurückzulegen. Was ich selbst geben kann, ist nicht der Rede werth, aber der Schmuck der Mutter ist kostbar, es sind viele Geschenke aus ihrer Jugend dabei, Erinnerungen, von denen sie sich nicht trennen soll, wenn Sie nicht sagen, daß es nöthig ist.«
»Ich fürchte, es wird nöthig sein,« erwiederte Anton ernst.
Lenore sprang auf. »Arme Mutter!« rief sie und schlang ihre Arme um den Hals der Baronin.
»Nehmen Sie,« erwiederte die Mutter leise zu Anton, »ich werde ruhiger sein, wenn ich weiß, daß wir das Mögliche gethan haben.«
»Ist es aber gut, Alles hinzugeben?« frug Anton bittend. »Vieles, was Ihnen vielleicht lieb ist, wird dem Juwelier weniger Werth haben.«
»Ich werde keinen Schmuck mehr tragen,« erwiederte die Baronin kalt, »nehmen Sie Alles, Alles.« Sie hielt die Hand vor die Augen und wandte sich ab.
»Wir foltern die Mutter,« rief Lenore heftig, »verschließen Sie, was auf dem Tisch liegt, schaffen Sie es fort aus dem Hause so bald als möglich.«