Mit einem warmen Druck lösten sich ihre Hände, ein Vertrag war geschlossen.
Die Baronin kam in das Zimmer zurück. »Unser Anwalt war heut Morgen bei mir. Jetzt bitte ich auch Sie um Ihren Rath. Wie der Anwalt mir mittheilt, ist keine Aussicht, das Familiengut dem Freiherrn zu erhalten.«
»In dieser Zeit, wo das Geld theuer und schwer zu haben ist, keine,« erwiederte Anton.
»Und auch Sie sind der Meinung, daß wir Alles anwenden müssen, um die polnische Herrschaft uns zu retten?«
»Ja,« erwiederte Anton.
»Auch dazu wird Geld nöthig sein. Vielleicht vermag ich durch meine Verwandten Ihnen eine, wenn auch geringe Summe zugänglich zu machen; sie soll mit diesem da« — sie wies auf den Koffer — »ausreichen, die Kosten der ersten Einrichtung zu decken. Ich wünsche den Schmuck nicht hier zu verkaufen, auch für die Uebernahme der Geldsumme, welche ich hoffen darf, wird eine Reise nach der Residenz nöthig sein. Der Anwalt des Freiherrn hat mit großer Achtung von Ihrer Umsicht gesprochen. Es ist auch sein Wunsch, der mich bestimmt, Ihnen ein Anerbieten zu machen. Wollen Sie uns für die nächsten Jahre, wenigstens so lange, bis die größten Schwierigkeiten überwunden sind, Ihre ganze Zeit widmen? Ich habe mit meinen Kindern berathen, beide sehen, wie ich, in Ihrer Thätigkeit die einzige Rettung. Auch der Freiherr ist damit einverstanden. Es frägt sich, ob Ihre Verhältnisse Ihnen erlauben, uns Unglücklichen Ihren dauernden Beistand zu gönnen. Unter welchen Bedingungen Sie dies auch thun, wir werden Ihnen dankbar sein. Wenn Sie irgend eine Form finden, in der wir die großen Verpflichtungen, die wir gegen Sie haben, auch in Ihrer äußern Stellung ausdrücken können, so sagen Sie mir das.«
Anton stand erstarrt. Was die Baronin von ihm forderte, war Trennung von dem Geschäft und Trennung von seinem Chef und Sabine. War ihm derselbe Gedanke schon früher gekommen, wenn er vor Lenore stand oder wenn er sich über die Briefe des Freiherrn beugte? — Jetzt, wo das Wort ausgesprochen wurde, erschütterte es ihn. Er sah auf Lenore, welche hinter der Mutter ihre Hände bittend zusammenlegte. »Ich stehe in einem Verhältniß,« erwiederte er endlich, »welches ich nicht ohne Einwilligung Anderer lösen darf, ich bin auf diesen Antrag nicht vorbereitet und bitte Sie, gnädige Frau, mir Zeit zur Ueberlegung zu lassen. Es ist ein Schritt, der über meine Zukunft entscheidet.«
»Ich dränge nicht,« sagte die Baronin, »ich bitte nur. Wie Ihre Entscheidung auch ausfalle, unser warmer Dank wird Ihnen bleiben; wenn Sie außer Stande sind, unsere schwache Kraft zu stützen, so fürchte ich, finden wir Niemanden. Denken Sie auch daran,« bat sie flehend.
Mit glühenden Wangen eilte Anton über die Straße. Der bittende Blick der Edelfrau, die gerungenen Hände Lenorens winkten ihm hinaus aus dem dunkeln Comtoir in größere Freiheit, in eine ungewöhnliche Zukunft, aus deren Dunkel einzelne Bilder leuchtend vor ihm aufblitzten. Mit großem Sinn war eine Forderung an ihn gestellt, und es zog ihn mächtig, ihr gerecht zu werden. Ein unermüdlicher, aufopfernder Helfer war den Frauen nöthig, um sie vor dem letzten Unheil zu bewahren. Und er that ein gutes Werk, wenn er dem Drange folgte, er erfüllte eine Pflicht.
So trat er in das Haus der Handlung. Ach! was hier sein Auge ansah, streckte eine Hand aus, ihn festzuhalten. Er sah in das dämmrige Waarengewölbe, in die treuen Gesichter der Hausknechte, auf die Ketten der großen Waage und über den Farbentopf des ehrlichen Pix, und empfand wieder, daß er hierher gehörte. Der Hund Sabinens küßte seine Hand mit feuchter Schnauze und lief hinter ihm her bis an sein Zimmer. Sein und Finks Zimmer! Hier hatte das kindische Herz des verwaisten Knaben einen Freund gefunden, gute Kameraden, eine Heimath, ein festes ehrenhaftes Ziel für sein Leben. Und er sah durch das Fenster hinab in den Hof, auf die Winkel und Vorsprünge des mächtigen Hauses, auf das Gitterfenster, hinter welchem Herr Liebold am Hauptbuch saß, in das Comtoir, wo sein Pult stand, und auf die kleine Stube, wo Er arbeitete, der ihm jetzt zürnte und der jahrelang sein väterlicher Freund gewesen war. Da fiel sein Blick auch auf das Fenster von Sabinens Vorrathsstube; oft hatte sein Auge dort einen wandernden Lichtschimmer gesucht, der das ganze große Haus erhellte und auch Behagen in sein Zimmer sandte. Und schnell aufgerichtet sprach er zu sich selbst: »Sie soll entscheiden.«