»Aber Herr von Fink,« rief die Tante erschrocken, »das heißt ja das Schicksal herausfordern! Es ist schauderhaft, nur daran zu denken.«

»Schauderhaft war nur die Unsauberkeit dieser Lehmrinne, die man hier Fluß nennt. Es müssen sehr schmutzige Nixen sein, die auf dem Grunde dieses Wassers leben. Aber Wohlfart ließ sich durch ihren Lehm nicht stören. Er fiel ihnen begeistert in die Arme, gerade wie es in dem berühmten Liede Sr. Excellenz heißt: »Halb zogen sie ihn, halb sank er hin.« Er warf beide Beine über den Rand des Kahns, noch bevor es nöthig war.«

»Sie hatten mich's so gelehrt, Sir!« rief Anton zu seiner Entschuldigung von unten dazwischen.

»Ja,« fuhr Fink gegen die Tante fort, »ich habe als Freund an ihm gehandelt. Ich trage keine Schuld, wenn er so viel Wasser geschluckt hat, daß der Wasserstand heut unerhört niedrig ist, und die Zinkkähne der Handlung oben im Flusse auf einer Sandbank liegen bleiben. Ich habe ihm vorher noch jede Art von gutem Rath gegeben. Ich habe ihm eine lange Geschichte erzählt, wie man sich im Wasser zu benehmen hat, ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, welche Toilette man braucht, um mit Anstand in's Wasser zu fallen. Man kann gegen einen Bruder nicht sorgsamer sein. Aber es half Alles nichts. Er fuhr wie aus einer Pistole geschossen auf den Grund und bohrte sich dort mit der Behendigkeit eines Karpfens ein. Ich versichere Sie, es war eine mühsame Arbeit, ihn im Schlamm wieder aufzufinden. Ich glaube, er war bereits in zärtlicher Unterhaltung mit einigen Wassergeschöpfen, als ich ihn auffand, denn er winkte mir unwillig mit der Hand, als wollte er sagen: Störe mich nicht, ich gehe hier meinem stillen Vergnügen nach.«

»Der arme Herr Wohlfart,« rief die Tante verwundert. »Aber Ihre Röcke! Heute früh begegnete ich im Hause einem Polizeidiener, der das nasse Bündel auf dem Arm trug, von ihm erfuhr ich zuerst das Unglück.«

»Die Röcke sind heute früh unterhalb der Stadt aufgefischt worden,« sagte Fink, »Karl zweifelt daran, sie je wieder zu trocknen. Unterdeß machen Wohlfarts Stiefeln eine Vergnügungsreise nach dem Weltmeer.«

Anton erröthete vor Aerger über die Weise des Freundes und sah verstohlen nach dem oberen Ende des Tisches. Der Kaufmann blickte finster auf den gemüthlichen Fink, und Sabine saß bleich mit gesenkten Augen, nur die Tante war wortreich in aufrichtigem Bedauern der durchnäßten Röcke.

Das Mittagessen war noch feierlicher als gewöhnlich. Nach dem Braten erhob sich Herr Liebold und verrichtete das schwere Stück Arbeit, wozu er durch seine hohe Stellung verpflichtet war, er brachte die Gesundheit des Prinzipals aus. Er gab sich redlich Mühe, die entschiedenen Wünsche des Vordersatzes nicht durch einen schüchternen Nachsatz zurückzunehmen. Aber selbst sein Toast vermochte nicht, eine gewisse Spannung in den oberen Regionen des Tisches zu beseitigen.

Nach aufgehobener Tafel standen die Herren Kaffe trinkend in Gruppen um den Prinzipal herum, wobei kühne Naturen, wie Herr Pix, auch eine Cigarre anzubrennen wagten. Unterdeß trieb Anton in größter Muße durch die geöffnete Zimmerreihe, bewunderte die Bilder an der Wand, blätterte in einem Album und hielt sich durch solche Thätigkeit die drohende Langeweile tapfer vom Halse. Er beobachtete gerade das Muster eines Teppichs und hoffte im Stillen, daß sich hier oder da ein keckes Fünfeck von dem Zwange des Musters losmachen und eigenwillig an einer unpassenden Stelle erscheinen könnte. So war er an den Eingang des letzten Zimmers gelangt und blieb betroffen stehen. Wenige Schritte vor ihm stand Sabine an einem Blumentisch und hielt sich mit beiden Händen an der Tischplatte fest, während große Thränentropfen aus ihren Augen auf die Blumen herunterfielen. Es war ein lautloses Schluchzen; wie von innerm Kampf wurde die schlanke Gestalt erschüttert; sie bekämpfte den Ausbruch eines tiefen, lange unterdrückten Schmerzes mit einer Energie, welche ihn doppelt rührend machte. Anton war bestürzt über den Zufall, der ihm einen solchen Anblick gestattete, und fühlte doch wieder eine so warme Theilnahme, daß er darüber vergaß, sich zurückzuziehen. Als er sich umwandte, blickte Sabine nach dem Geräusch hin. Sich schnell fassend, drückte sie das Tuch an die Augen und kehrte sich sogleich zu Anton. »Hüten Sie sich, Herr Wohlfart,« sagte sie herzlich, »daß die Tollkühnheit Ihres Freundes Sie nicht in neue Gefahren bringt; meinem Bruder würde es sehr leid thun, wenn der Verkehr mit Herrn von Fink Ihnen Nachtheil brächte.«

»Fräulein Sabine,« erwiederte Anton und sah der Dame mit inniger Hochachtung in die feuchten Augen, »Fink ist eben so edel als rücksichtslos. Er hat mich mit eigener Gefahr aus dem Wasser herausgeholt.«