»O ja,« rief Sabine mit einem Ausdruck, den Anton nicht ganz verstand, »Herr von Fink liebt es, mit Allem zu spielen, was anderen Menschen heilig ist.«
In diesem Augenblicke eilte Herr Jordan herzu und bat das Fräulein, an den Flügel zu kommen. So rauschte sie an Anton vorüber.
Anton war in mächtiger Aufregung. Sabine Schröter stand bei den Herren des Comtoirs in einem Ansehen, welches sie über den Bereich der gewöhnlichen Discussion stellte und in die glückliche Lage brachte, daß im Hinterhaus nur selten von ihr gesprochen ward. Die meisten der Jüngeren waren, wie sich aus den Neckereien ihrer Collegen und gelegentlichen Geständnissen merken ließ, während der ersten Monate ihres Aufenthalts leidenschaftlich in das Fräulein des Hauses verliebt gewesen. Und als die Flamme aus Mangel an Nahrung nach und nach heruntergebrannt war, hatte Jeder ein Häuflein glühender Kohlen vor den Spöttereien der Collegen in den geheimsten Winkel seines Herzens geschoben, wo die Kohlen noch lagen und fortglimmten. Sämmtliche Herren waren bereit, für die Tochter ihres Hauses gegen jeden Feind loszurennen. Allen galt sie für eine kalte Heilige, deren Herz einer leidenschaftlichen Schwäche unzugänglich war. Aber ihre ruhige Haltung that Allen sehr wohl, und wenn Herr Pix sie stolz nannte, so verfehlte er nie, dazuzusetzen: »Aber sie hat ein gutes Herz, sie ist eine tüchtige Wirthin.«
Ob Sabine ganz so war, wie das Comtoir einstimmig annahm, darüber hatte auch Anton kein Urtheil. Auch ihm war die junge Herrin bekannt, und doch fern, wie der Mond, den wir immer nur von einer Seite sehen. Alle Tage saß er ihr gegenüber und sah aus der Ferne auf das feine Oval ihres Gesichts, auf das dunkle Haar und den tiefen Glanz ihrer schönen Augen, täglich hörte er ihre Stimme in dem gleichförmigen Tischgespräch, weiter kannte er nichts von ihr. Jetzt merkte er plötzlich, daß die Heilige nicht so ruhig und so gefühllos lebte, als das Hinterhaus annahm; durch einen Zufall war er Vertrauter ihres stillen Wehes geworden. Ihr Schmerz, so lautlos und so schön getragen, steigerte seine Theilnahme zu leidenschaftlicher Höhe. Er hatte nie eine Schwester gehabt, und sich wohl zuweilen danach gesehnt; heut empfand er eine wahrhaft brüderliche Zärtlichkeit für die Trauernde; er hätte sein Leben hingeben können, um sie von diesem Schmerz zu befreien; er hätte es für das höchste Glück gehalten, ihre Hand zu ergreifen, ihren Kopf an seine Brust zu legen und ihr die weinenden Augen zu küssen. Es wurde ihm auf einmal deutlich, daß ihr Kummer mit Fink in irgend einer Verbindung stand, es war ihm schon lange unzweifelhaft gewesen, daß diese beiden Gestalten zu einander in einer geheimnißvollen Beziehung stehen mußten, und oft hatte er prüfend nach Sabinens Gesicht hingesehen, wenn Fink bei Tisch etwas Liebenswürdiges erzählte. Er hatte nie etwas Anderes entdeckt, als daß ihr Auge den Platz vermied, an welchem Fink saß, und daß sie den Jokei vielleicht noch seltener anredete, als einen der anderen Herren. Jetzt ahnete er allerlei Schmerzliches für die Gebieterin des ersten Stocks, er sah im Geist wilde Leidenschaften über den ruhigen Glanz des Hauses T. O. Schröter heraufstürmen. Wohl empfand er für Fink die hingebende Neigung, welche eine unverdorbene Jugend so gern dem kühnen und erfahrenen Genossen weiht, aber in diesem Falle nahm seine Seele entschiedene Partei gegen den Freund, er beschloß, Fink genau zu beobachten und dem Fräulein irgend etwas zu werden, ein brüderlicher Schutz, ein Vertrauter, Alles, was dazu helfen konnte, sie von einem Schmerz zu befreien, der ihn mit Rührung und heißem Mitgefühl erfüllte.
Einige Stunden darauf saß Sabine in der Fensternische. Die Hände über das Knie gefaltet, sah sie still vor sich hin. Das röthliche Abendlicht goß über ihr Antlitz einen Schimmer von froher Laune, die in ihrem Herzen nicht war. Der Bruder hatte die Zeitung weggelegt und blickte von seinem Armstuhl sorgenvoll auf die Regungslose, endlich trat er leise zu ihr und legte seine Hand auf ihr Haupt. Sabine erhob sich und umschlang den Bruder fest mit beiden Armen. So standen die Geschwister eines an das andere gelehnt, zwei Freunde, welche sich so in einander hineingelebt haben, daß jeder ohne Worte versteht, was den andern bewegt. Der Kaufmann strich zärtlich die Locken seiner Schwester zurecht und sagte bekümmert: »Du weißt, wie groß die geschäftlichen Verpflichtungen sind, welche wir gegen den Vater Finks haben.«
»Ich weiß,« erwiederte Sabine aufblickend, »daß du mit dem Sohne nicht zufrieden bist.«
»Ich konnte nicht vermeiden, die fremdartige Gestalt in unsern Kreis aufzunehmen, aber ich bereue die Stunde, wo dies geschah.«
»Sei nicht hart gegen ihn,« bat die Schwester und küßte die Hand des Kaufmanns. »Denke auch daran, wie viel Edles in seinem Wesen liegt.«
»Ich thue ihm nicht Unrecht. Aber ob sein Leben zum Heil für Andere werden wird, oder zum Unheil, das steht noch dahin. Sein Selbstgefühl, die großen Anlagen, die trotzige Kraft seines Egoismus, das zusammen ist Stoff genug, um einen großen Charakter zu bilden. Aber wozu wird er seine Kraft gebrauchen? Ungeordnet, in wilden Thorheiten hat er bis jetzt seine Tage verbracht, der Zwang unsers Hauses empört ihn innerlich. Noch ist wahrscheinlich, daß ein schlechter Aristokrat aus ihm wird, der seine Lebenskraft in raffinirtem Genuß vergeudet, oder auch ein wucherischer Geldmann, wie sein Verwandter in Amerika, der zum letzten aufregenden Spielzeug das Geld erwählt und mit frevelhaftem Witz die Schwächen Anderer benutzt, um aus den Trümmern ihres Glücks seine Paläste zu bauen.«