»Er ist nicht herzlos,« murmelte Sabine, »auch sein Verhältniß zu Wohlfart beweist das.«
»Er spielt mit ihm, er wirft ihn in's Wasser und zieht ihn wieder heraus.«
»Nein,« rief Sabine, »er achtet den verständigen Sinn Wohlfarts, er fühlt, daß dieser trotz seinem Mangel an Erfahrung ein reicheres Gemüth hat, als er selbst.«
»Täusche dich und mich nicht,« entgegnete der Kaufmann finster, »ich weiß, wie es gekommen ist, wie seine Sicherheit, die Gabe, schön zu sprechen und sich in leichtem Scherz über seine Umgebung zu erheben, dich gefesselt haben. Nicht ohne brüderliche Eifersucht erkannte ich den Zauber, den der fremde Mann auf dich ausübte. Ich schwieg, denn ich konnte dir vertrauen. War ich doch selbst hingerissen von Manchem, was an ihm ungewöhnlich ist. Auch als ich seine Härten unangenehm empfand, schwieg ich, denn ich bemerkte, wie du dich von ihm zurückzogst. Jetzt aber, wo ich sehe, wie sehr seine Art dich noch immer aufregt, ja unglücklich macht, jetzt muß ich seine Entfernung für wünschenswerth halten. Er soll fort aus unserm Hause, fort auch aus deiner Nähe.«
»O mein Gott!« rief Sabine, die Hände ringend. — »Nein, Traugott, das soll, das darf nicht geschehen. Um meinetwillen soll ein Verhältniß nicht gelöst werden, welches zu seinem Nutzen beschlossen wurde. Wenn es ein Mittel giebt, ihn vor den Gefahren zu behüten, die seine Vergangenheit über ihn bringt, so ist es das Leben in deiner Nähe. Deine rastlose Thätigkeit, die hohe Ehre deines Geschäfts, die zu sehen, daran sich zu gewöhnen, das ist Heilung für seine Seele. Ja, Traugott,« fuhr sie fort und faßte seine Hand, »ich habe kein Geheimniß vor dir! Du hast eine thörichte Schwäche meines Gefühls vielleicht eher erkannt, als ich selbst. Aber ich verspreche dir, dies Gefühl soll sein, wie die Erinnerung an ein Buch, das ich gelesen habe. Durch keine Miene, durch kein Wort will ich verrathen, daß ich schwach war. O, zürne ihm nicht, löse ihn nicht aus deinem Kreise, nicht im Zorn, und nicht um meinetwillen.«
»Und darf ich zugeben, daß seine Nähe dich zu einem aufreibenden Kampf verurtheilt?« frug der Bruder. »Unser Verhältniß zu ihm ist ohnedies schwer genug. Er gilt für eine glänzende Partie in jedem Sinne des Wortes. Es ist wahrscheinlich, daß sein Vater bestimmte Pläne mit ihm hat; es ist sicher, daß er selbst für weit hinaus phantastisch über seine Zukunft geträumt hat. Mir hat sein Vater die Aufsicht über ihn, den schwer zu Lenkenden, gegeben, weil er vertraut, daß ich in seinem Sinn handeln werde. Es wäre ein Verrath gegen den Vater, wenn ich eine Annäherung zwischen euch Beiden auch nur durch Stillschweigen zuließe. Leicht wird man uns auch die harmlose Zuvorkommenheit so auslegen, als hätten wir einen Wunsch, den reichen Erben an uns zu fesseln. Und er selbst, der Uebermüthige, an leichte Siege Gewöhnte, er wird zuerst einem solchen Gedanken Raum geben und geneigt sein, über das zu triumphiren, was er deine Schwäche und meine Berechnung nennen mag. Ich höre ihn darüber lachen und witzeln, und sieh, Sabine, dagegen empört sich mein Stolz.«
»Traugott,« rief Sabine mit gerötheten Wangen, »vergiß nicht, daß ich deine Schwester bin. Ich bin ein Bürgerkind, und er wird nie ganz zu uns gehören. Ich bin so stolz wie du. Immer habe ich das Gefühl, daß zwischen ihm und mir eine Kluft liegt, so weit und tief, daß alle Liebe sie nicht auszufüllen vermöchte. Vertraue mir,« bat sie unter Thränen, »ich werde dich nicht mehr durch meine Mienen betrüben. Und gegen ihn, den du nicht liebst, sei gütiger. Ertrage auch du das Lästige in seinem Wesen. Bedenke, wie sein Schicksal war. In der Welt herumgeschleudert, in Lagen, welche jedem Gelüst schmeichelten, immer unter Fremden, ohne Liebe und ohne Heimath, so ist er aufgewachsen, in Manchem verdorben, aber im Grunde seiner Seele hochsinnig und ein Feind jeder Gemeinheit.« Wieder schlang sie den Arm um den Hals ihres Bruders und sah bittend zu ihm auf. »Vertraue mir und gegen ihn sei gütiger.«
»Er soll hier bleiben,« sagte der Kaufmann und blickte gerührt in die feuchten Augen der Schwester. »Aber außer meinem Liebling ist noch Jemand in unserm Hause, der sich vor dem Einfluß seines Wesens zu bewahren hat.«
»Wohlfart,« rief Sabine heiter. »Für den bürge ich.«
»Du übernimmst viel, du Vormund unserer Herren. Also auch er ist ein Günstling?«