»Er ist zartfühlend und ehrlich, er hängt mit ganzer Seele an dir. Wie treuherzig sah er heut darein, als der Andere so ruchlos scherzte. Und er hat Muth! Verlaß dich darauf, er wird auch mit Fink fertig. Zufällig sah ich ihn damals, als ihn Fink so gekränkt hatte. Er sah ordentlich rührend aus. Seit der Zeit habe ich ihn in's Herz geschlossen.«
»Was hat Alles in diesem Herzen Raum!« rief der Kaufmann scherzend. »Zuerst und vor Allem die große Vorrathsstube, die Nußbaumschränke der Großmutter und viele Schock weiße Leinwand. Dann in bescheidener Seitenkammer der gestrenge Bruder, dann« —
»Dann im Vorzimmer alles Uebrige,« unterbrach ihn Sabine.
»Ja, und jetzt finde ich sogar unsern Lehrling dort einquartiert,« fuhr der Bruder fort.
Sabine nickte. »Er ist ja auch mein Lehrling, er ist ja schon von seinem Vater her ein Kind unsrer Handlung. Jetzt wünscht er sich ein Dutzend feiner Oberhemden, Karl hat mir's zugetragen. Die Tante und ich wollen sie besorgen, du mußt sie ihm bei erster Gelegenheit durch die Post senden. Er ist von Haus aus an solche Ueberraschungen gewöhnt. Die Tante soll ihm einen geheimnißvollen Brief dazu schreiben.« Sie lachte herzlich bei dem Gedanken an den Brief der Tante, zog an der Theeserviette und rückte die Tassen zurecht, bis alle drei in einer Reihe standen.
»So ist's recht,« rief der Kaufmann, »jetzt bist du wieder du selbst. Die Linie ist untadelhaft und die Symmetrie der Serviettenzipfel ist außerordentlich.«
»Man muß doch seine Freude haben,« sagte Sabine. »Ihr Männer thut ohnehin nichts Anderes, als uns ängstigen.«
Zu derselben Zeit trat Fink in Antons Zimmer, ein Lied trällernd, ohne eine Ahnung des Unwetters im Vorderhause, und, die Wahrheit zu gestehen, ziemlich unbekümmert um die Gefühle, welche er dort erregte. »Ich bin um Ihretwillen in Ungnade gefallen, mein Sohn,« rief er lustig, »der Souverain hat mich heut mit haarsträubender Gleichgültigkeit behandelt, und der Schwarzkopf hat mir den ganzen Tag keinen Blick gegönnt. Respectable Leute, aber bis zur Verzweiflung hausbacken! Diese Sabine hat im Grunde Feuer, Stolz, gute Qualitäten, aber auch sie verkümmert in dem ewigen Einerlei. Wenn eine Fliege sich im Kopfe kraut, so erregt das Erstaunen, und erregt Scrupel, ob es ihr anständig sei, mit dem rechten oder mit dem linken Beine zu kratzen. — Glück zu, Wohlfart, Sie sind auf dem besten Wege, der Mignon dieses Comtoirs zu werden, und mich betrachtet man als Ihren bösen Genius. Thut nichts! Morgen gehen wir zusammen in die Schwimmschule.«
Und so geschah es. Seit dieser Zeit fand Fink ein Vergnügen darin, den jüngern Freund in seine Künste einzuweihen. Er selbst lehrte ihn schwimmen, er bestand darauf, daß Anton zuweilen ein Pferd bestieg, und zwang ihn durch brüderliche Ermahnungen, auf dem Miethgaul Reitkünste zu üben. Ja, er ging in seiner Freundschaft so weit, daß er sich selbst auf einen Miethklepper setzte, — wogegen er großen Abscheu hatte — und den Lehrling zur Uebung auf seinem eigenen feurigen Pferde reiten ließ. Er schoß mit Anton nach der Scheibe, und drohte sogar, ihm eine Einladung zur Jagd zu verschaffen, wogegen aber Anton auf das Aeußerste protestirte.