Anton lohnte seinem Freunde durch die größte Anhänglichkeit; er war glücklich, einen Genossen zu haben, an dem er so Vieles verehren und bewundern konnte, und es that seinem Selbstgefühl unendlich wohl, daß er als Vertrauter vor vielen Andern ausgezeichnet wurde. Fink gewann vielleicht nicht weniger dabei; was zuerst eine Laune gewesen war, wurde ihm schnell Bedürfniß. Es waren glückliche Abende für Beide, wenn sie im Schatten der großen Condorflügel oder in dem bescheidenen Quartiere der gelblackirten Katze zusammensaßen in seligem Geplauder über die Eindrücke des Tages, über den Weltlauf, oder über nichts; dann erzählte Fink oder trieb Possen, übermüthig, wie ein kleiner Knabe, und Anton folgte mit Entzücken den kräftigen Gedanken und dem kühnen Ausdruck des vielerfahrenen Gefährten; dann klang bei offenem Fenster ihr Lachen bis tief hinab in das Dunkel des Hofes, so daß der alte zottige Pluto, der sich als Vogt des Hauses betrachtete und von Jedermann als ein angesehener Associé der Firma betrachtet wurde, aus seinem leisen Schlummer aufwachte und durch ermunterndes Bellen seine Billigung ihrer guten Laune ausdrückte. Es war eine glückliche Zeit für Beide; aus ihrer Vertraulichkeit blühte, zum ersten Mal für Beide, eine herzliche Jugendfreundschaft auf.

Und doch hörte Anton nicht auf, Fink und das Fräulein mit einer leisen Unruhe zu beobachten, nie sprach er mit seinem Freunde über das, was er ahnend voraussetzte, immer aber erwartete er, daß sich im Vorderhause etwas ereignen würde, eine Verlobung, oder ein Bruch zwischen Fink und dem Kaufmann, oder etwas anderes Außerordentliches. Aber es kam nichts dergleichen, unverändert verliefen die feierlichen Mahlzeiten an der langen Tafel, unverändert blieb das Antlitz und das Benehmen Sabinens gegen den Freund und gegen ihn. Es schien, als wenn die ernste und emsige Thätigkeit des Geschäftes jedes ungewöhnliche Familienereigniß, jede Leidenschaft, jede schnelle Veränderung fern hielte von dem Leben der Hausgenossen. Verstimmung und Hader, Genuß und Schwärmerei, Alles wurde niedergehalten durch den unablässigen gleichmäßigen Fluß der Arbeit.


X.

Wieder war ein Jahr vergangen, das zweite seit dem Eintritt des Lehrlings, und wieder blühten die Rosen. Anton hatte beim Schluß des Comtoirs einen großen Strauß rother Centifolien gekauft und klopfte an die Thür von Herrn Jordan, um diesem, der ein Gefühl für Blumen hatte, den Salon zu schmücken. Mit Ueberraschung sah er, grade wie am ersten Tage seiner Lehrzeit, alle Collegen in dem Zimmer versammelt und erkannte auf den ersten Blick, daß bei seinem Eintreten eine exclusive Feierlichkeit, welche ihn zurückwies, in den Mienen Aller sichtbar wurde. Jordan eilte ihm mit einer leisen Verlegenheit entgegen und bat, er möge auf eine Stunde die Versammlung sich selbst überlassen, es sei etwas Wichtiges zu besprechen, was er als Lehrling nicht hören dürfe. Die gutherzigen Männer hatten ihn bis dahin nur selten empfinden lassen, daß er ihnen an Würden nicht gleichstand, deßhalb demüthigte ihn die Verbannung doch ein wenig. Er trug den Strauß in das eigene Zimmer und stellte ihn resignirt auf den Tisch, ergriff ein Buch und sah zuweilen darüber hinweg auf das Büschel Rosen, welches sogleich eifrig bemüht war, seinen rosigen Schein bis in die Winkel der kleinen Stube auszubreiten.

Unterdeß wurde im Salon feierliche Sitzung gehalten. Der Herr des Salons pochte mit einem Lineal auf den Tisch und eröffnete die Verhandlung: »Wie Sie Alle wissen, hat einer der Collegen das Geschäft verlassen. Herr Schröter hat mir deßhalb heut eröffnet, daß er nicht abgeneigt ist, an Stelle desselben unsern Wohlfart als Correspondenten in das Provinzialgeschäft aufzunehmen. Da aber die herkömmliche Lehrzeit Wohlfarts erst in einem, oder nach dem Uso unserer Handlung sogar erst in zwei Jahren zu Ende geht, so will er eine solche außerordentliche Abweichung von der Ordnung nicht eintreten lassen ohne die Beistimmung des Comtoirs. Deßhalb frage ich Sie, wollen Sie die Rechte, welche Sie an Wohlfart als unsern Lehrling haben, zu seinen Gunsten schon jetzt aufgeben und wollen Sie ihn als Collegen in unser Geschäft aufnehmen? Ich ersuche Sie sämmtlich, mir Ihre Meinung mitzutheilen. Noch fühle ich mich verpflichtet zu bemerken, daß Herr Schröter selbst unsern Wohlfart für vollkommen geeignet hält, die neue Stellung auszufüllen; auch halte ich es für sehr gentil vom Prinzipal, daß er uns die letzte Entscheidung überläßt.«

Nach diesen Worten des Herrn Jordan entstand die imposante Stille, welche jeder Debatte vorhergeht. Nur Herr Pix erhob sich von der Sophalehne, an welcher er gehangen hatte, und sprach: »Vor Allem stimme ich dafür, daß wir ein Glas Grog machen, hole ein Anderer für die Theetrinker den Kessel her, den Grog braue ich.« Nach dieser Erklärung zog sich der Sprecher wieder in seine reitende Stellung zurück und brannte eine Manilla an, eine Art von Cigarren, welche er in stetem Kampf gegen seine Collegen begünstigte.

Die anderen Herren verharrten in genußreichem Schweigen und sahen feierlich der Bereitung des Thees zu, Jeder fühlte die Wichtigkeit seiner bürgerlichen Stellung und seine Würde als Mensch und College.

Als die Spiritusflamme um den Kessel leckte und noch Niemand das Wort ergriff, erkannte der Vorsitzende die Nothwendigkeit, die Debatte auf irgend eine Weise zu fördern, und frug: »Wie wollen wir abstimmen? Wünschen Sie von unten nach oben oder von oben herab?«

»Bei der englischen Marine wird, so viel ich weiß, der Jüngste zuerst gehört,« bemerkte Herr Baumann.