»Nun,« erwiederte der Freiherr, »er hat das Aussehen eines frischen Jungen. Für dieses Kindervergnügen ist eine solche Gestalt immer noch besser, als die alten Knaben, die ich hier im Kreise sehe. Die Jüngeren amüsiren sich und ihre Tänzerinnen, während Benno Tönnchen sich nur belustigen wird, wenn er die Mädchen roth macht, oder ihnen das Rothwerden abgewöhnt. Lenore sieht recht gut aus. Ich gehe zu meinem Whist, laß mich rufen, wenn du den Wagen befiehlst.«
Anton hörte nichts von Allem, was über ihn und seine Tänzerin gesprochen wurde, und wenn die Gesellschaft um ihn herum so laut gesummt hätte, wie die große Glocke am höchsten Kirchthurm der Stadt, er hätte nichts gehört. Der Erdball war für ihn sehr klein geworden, nicht größer als der Kreis, den er mit seiner Tänzerin durchmaß, was etwa noch außerhalb existirte, war Finsterniß, Oede, ein Nichts, nur was er im Arm halten durfte, das nahm alle seine Sinne gefangen. Das schöne blonde Haar, so nahe an seinem Haupt, daß er mit seinen Locken die ihren berühren konnte, ihr warmer Athem, der seine Wange streifte, der unsägliche Reiz des weißen Handschuhes, der ihre weiche Hand versteckte, das Parfüm ihres Taschentuches, die rothe Blüthe, welche vorn am Kleide befestigt war, das sah und empfand er, und sonst nichts. Wenn sie im Tanz sich vertrauend von seinem Arm umschlingen ließ, wenn sie ihn fröhlich ansah auch während des Tanzes, wenn er sie athemlos anhielt und sie sich langsam von seiner Hand löste, ein Armband zurecht rückte oder ihr allerliebstes Taschentuch einen Augenblick an den Mund hielt, wie reizend waren nicht alle ihre Bewegungen. Wie bezaubernd der freundliche Gruß ihrer Augen oder ihr leises Lächeln, wenn Anton etwas sagte, was ihr gefiel.
Und er hatte das Glück, ihr zu gefallen; sie sagte ihm, er spreche allerliebst und es höre sich ihm gut zu. Ach, was er plauderte, war gleichgültig, er hätte vielleicht nicht weniger Erfolg gehabt, wenn er von Neuseeländern oder dem Kaiser von Japan gesprochen hätte. Denn nicht was er erzählte, sondern wie er es sagte, die stille Huldigung seiner Augen, der bebende Ton seiner Stimme, das drang schmeichelnd in die Seele seiner Tänzerin.
Die Pauke schwieg, der Trompeter setzte sein Blech ab, der Erdball löste sich auf in ein lichtloses Chaos. »Schade!« rief Lenore, als die letzte Note verklungen war.
»Ich danke Ihnen für dieses Glück,« sagte Anton, als er das Fräulein an ihren Platz führte.
Als er jetzt unter den fremden Menschen umhertrieb, wie ein steuerloses Schiff unter rauschenden Wellen, trat Fink zu ihm und sagte: »Höre, du Duckmäuser, entweder hast du süßen Wein getrunken, oder du bist ein heimlicher Intrigant. Woher kennst du die Rothsattel? du hast mir ja nie etwas von der Bekanntschaft gesagt. Sie ist eine hübsche Figur und ein classisches Gesicht. Hat sie denn auch Verstand?«
Anton hätte in diesem Augenblick seinem Freund erklären können, daß er ihn auf's Tiefste verachte. Eine solche Rohheit des Ausdrucks konnte nur aus einem ganz entmenschten Gemüth kommen.
»Verstand?« erwiederte er und sah Fink mit einem Blick tödtlicher Feindschaft an; »wer daran zweifeln kann, muß selbst sehr wenig besitzen.«