II.
Seit diesem großen Abend hatte die Tanzstunde regelmäßigen Verlauf. Als Anton das Fegefeuer der Einführung bestanden hatte, fühlte er sich unter den Florkleidern, den vornehmen Namen und den Sophakissen mit gestickten Wappen bald heimisch. Er selbst wurde ein nützliches Mitglied des Kränzchens, und zwar durch die bürgerlichsten aller Tugenden, durch Ordnung und Pflichttreue. Und das ging so zu. Das Kränzchen war keine gewöhnliche Tanzstunde, denn bei sämmtlichen Theilnehmern wurden die ersten Anfänge der Kunst vorausgesetzt; es hatte vielmehr den Zweck, einige neue Tänze einzuüben und nebenbei eine Vereinigung der befreundeten Familien in bequemer Façon hervorzubringen. Nun ergab sich bald, daß die bequeme Façon allerdings nach Finks Herzen war, das Einstudiren neuer Tänze aber von ihm und mehreren seiner Kameraden mit einer sträflichen Lauheit betrieben wurde. Er kam oft gegen Ende der Tanzstunde, er betrachtete den Salon nur als eine Gelegenheit, die jüngeren Damen zu necken und sich mit den reiferen Schönheiten eine Stunde zu unterhalten; er vertrat zum Entsetzen des Tanzmeisters den Grundsatz, wo man im Tanz nicht mit dem gewöhnlichen Schritt fortkomme, sei das einfache Pas des Galopps für alle Fälle gut genug, und das einzige Vergnügen bei unsern Tänzen sei, regelmäßig aus dem Takt und wieder hineinzukommen. »Aber, Herr von Fink,« klagte der Tanzmeister, »das heißt nicht mehr tanzen; dabei ist keine Kunst.«
»Es soll auch keine dabei sein,« sagte Fink, »was hat die Kunst mit unserm Tanzen zu thun? Was Sie die Jugend lehren, ist weiter nichts als eine gesellschaftliche Rotation um einen imaginairen Mittelpunkt. Mir ist das langweilig, ich gehe deßhalb in Kometenbahn.« Und er blieb dieser Ansicht getreu, er zwang die unglücklichen Opfer, welche er zu engagiren sich herabließ, sich quer durch die Reihe der Tanzenden zu stürzen, aus einer Ecke des Saals in die andere, aus dem Takt, wieder in den Takt, wie es seiner Laune passend schien.
Gegenüber dieser excentrischen Auffassung, welche leider in dem Kränzchen zahlreiche Anhänger fand, zeigte Wohlfart die Regelmäßigkeit eines Mannes, der mit Entzücken seine Pflicht thut, er erschien pünktlich, er machte jedes Pas, er tanzte jeden Tanz, er war immer in guter Laune und fand eine Freude darin, vernachlässigte junge Damen zu engagiren. Da bei der Sorglosigkeit Finks und seiner Genossen schnell Mangel an Tänzern eintrat, wurde Anton in Kurzem eine anspruchslose Hauptstütze des Salons, Liebling des Tanzmeisters und ein Vertrauter der jungen Damen, durch welchen heimliche Wünsche von den hellen Rändern des Saals zu der dunklen Mitte getragen wurden. Er selbst war in diesen Stunden ein seliger Mann, und die freudige Verklärung, welche auf ihm lag, fiel jungen wie älteren Damen als etwas Ungewöhnliches auf. Die einen wurden in der Ueberzeugung bestärkt, daß er ein guter Junge sei, und die letzteren in der keineswegs entgegengesetzten Ueberzeugung, daß er ein unbekannter Prinz sei. Er selbst wußte am besten, warum er so glücklich war. Alle seine Gedanken und Bewegungen bezogen sich im Stillen auf sie, die unbestrittene Herrin seines Herzens. Alle andern Tänze und jede Unterhaltung mit einer Dritten betrachtete er nur als gesellschaftliche Schnörkel, die er mit der Feder seines Herzens um den einen Namen beschrieb. Und er diente nicht ohne Erhörung. Er wurde von ihr wie ein alter Freund unter Fremden behandelt. Sie bat ihn leise, einen oder den andern Tanz mit ihr zu tanzen, ja sie bat ihn sogar einmal, zu Gunsten eines neu angekommenen Vetters auf seine Rechte zu verzichten. Und sie freute sich, als Anton über dies Ereigniß grenzenlos betrübt war, keine andere Dame aufforderte, sondern still den Tanzenden zusah. Niemals entfernte er sich eher, bis sie den Saal verlassen hatte, dann stand er unweit der Thür, um noch die letzten Aufträge, einen Gruß, einen Blick ihres glänzenden Auges zu erhalten. Und auch ihr Auge flog, so oft sie in den Saal trat, suchend in den Kreis der schwarzröckigen Herren, bis sie Antons braunen Kopf erkannt hatte, dann erst fühlte sie sich heimisch in dem erleuchteten Raum.
Auch mit vielen der Herren kam Anton in ein freundliches Verhältniß. Fink beeilte sich, ihn bei Feroni einzuführen. Zwar gefiel ihm Manches an seinen neuen Bekannten nicht, ihre Urtheile waren zuweilen roher, als ihm behaglich war, und er hatte mehrere von ihnen bald in Verdacht, herzlich ungebildet zu sein. Aber ihre Art zu sprechen und sich zu geberden imponirte ihm doch, vor Allem eine gewisse ritterliche Atmosphäre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas Stallluft und viel von dem Aroma der Weinstube. Da Anton eine harmlose Laune bewies, der nächste Bekannte des mächtigen Fink war und zuweilen eigenen Willen zeigte, wenn er nach Mitternacht gegen eine vorgeschlagene letzte Flasche protestirte, oder die abwesenden Damen gegen eine übermüthige Kritik mit frommem Ernst vertheidigte, so erhielt er unter den andern Herren der Tanzstunde das Renommée eines guten Kerls.
Gleich in den ersten Wochen hatte Anton Gelegenheit, seine angebetete Tänzerin in einer Situation zu sehen, welche die gewaltigsten menschlichen Leidenschaften aufregte. Die jüngeren Damen des Kränzchens waren natürlich unter einander alle ein Herz und eine Seele, jedoch verstand sich von selbst, daß einige in der Stille andere nicht recht leiden konnten. So entstanden Parteien. Bald bildeten sich zwei große Bundesgenossenschaften, zwischen denen Einzelne hin und her schwankten, die aber im Ganzen fest zusammenhielten und im Geheimen starke Antipathien gegen die Gegenpartei nährten. Es kam so weit, daß an einem Abend sämmtliche Damen der einen Partei eine weiße Camellie in der Mitte ihres Ballstraußes trugen und ein sehr auffallendes hellbraunes Band von dem Strauß herunterhängen ließen; dies hatte zur nothwendigen Folge, daß die Gegenpartei am nächsten Abend mit rothen Camellien im Strauß erschien und ein grünes Band darum wand. An der Spitze der Braunen stand Lenore, das Haupt der Grünen war Eugenie, die Tochter des Hauses. Im Vertrauen gesagt, die Grünen waren unerträglich. Sie machten Ansprüche ohne Berechtigung, sie waren moquant, sie gaben sich das Air, älter zu sein, als die Braunen. Weil Hulda Werner und Mechthild Fiorelli den Winter zuvor in der Residenz gewesen waren und auf den Hofbällen getanzt hatten, und weil Fanny Mareschalk bei einem lebenden Bild die Genoveva dargestellt hatte, mit ihrem kleinen Bruder und einem Rehkalb zur Seite, die durch Bänder an die hölzerne Rasenbank festgebunden waren, deßhalb erhoben sie solche Ansprüche. Zu den Braunen gehörten Theone Lara und die reizende Hildegard Salt, zwei innige Freundinnen, die immer Arm in Arm gingen, gleiche Ballroben trugen, und im Anfange des Winters geschworen hatten, einander nie zu verlassen, ein Schwur, gegen dessen Erfüllung sich die einzige Schwierigkeit erhob, daß ihre Eltern den Sommer über in den beiden entgegengesetzten Ecken der Provinz wohnten. Beide waren schwärmerische Naturen, die alle Gefühle mit einander theilten, Beide sangen, Beide spielten den Flügel, Beide liebten dieselben Dichter, Beide hatten einen unüberwindlichen Abscheu vor Herren mit Kinnbärten, Beide saßen wie zwei Sympathievögel zusammen und fanden ihr höchstes Glück darin, einander die Gefühle in's Ohr zu flüstern, die ihnen das Benehmen eines Herrn erregte, oder das melancholische Vorspiel eines Walzers. Diese Beiden schlossen sich bald innig an Lenore Rothsattel; sie, Valeska Panin und Hortense Leloup bildeten den Mittelpunkt der braunen Partei; Lenorens stattliche Größe ragte aus dem Kreise dieser Getreuen hervor, wie die Gestalt eines Häuptlings unter seinen Kriegern. Wenn ein Tanz beendet war, machte sich's von selbst, daß die Braunen zusammentraten; wenn sie in der Quadrille gegen einander tanzten, so erhoben sie unmerklich ihren Strauß und grüßten einander.
Natürlich war Anton braun, braun vom Kopf bis zum Fuß, und als er über seine Gemüthsstimmung ein offenes Bekenntniß ablegte, indem er an einem Abend in braun und weiß gestreifter Ballweste erschien, wurde er in der ersten Tour des Cotillons von allen Damen der Partei auf Verabredung geholt, ein Ereigniß, welches sogar bei den Ehrendamen am Rande des Salons große Aufregung hervorbrachte. Es thut dem wahrhaftigen Geschichtschreiber leid, zu melden, daß Fink unter die Grünen gerechnet wurde, nicht unbedingt, denn er behandelte, wie die Braunen behaupteten, seine grünen Tänzerinnen sehr nachlässig, aber da Eugenie Baldereck seine Dienste vorzugsweise in Anspruch nahm, so war es, wie Anton entschuldigend sagte, seinem Freunde nicht möglich, sich dem Einfluß dieser Farbe ganz zu entziehen. Nun begab sich Folgendes:
Theone Lara hatte ein Tagebuch, in das sie ihre Empfindungen mit einer schwarzen Krähenfeder durch winzig kleine Buchstaben einzeichnete. Außer der bereits früher erwähnten Geschichte von den zwei Molchen stand alles Andere darin, was ihr Herz jemals erregt hatte, ihre Ansichten über Natur, die Menschen und das Kränzchen. Es war ihr höchster Schatz. In einer himmlischen Stunde hatte sie Hildegard Salt in die Geheimnisse dieses Buches eingeweiht, Beide hatten einander geküßt und viel geweint und über diesem Buche ewige Freundschaft beschworen. Von da ab führten Beide das Tagebuch gemeinschaftlich. Ihre vertrautesten Gefühle, die allergeheimsten Bemerkungen waren darin aufgezeichnet. Nach einem Kränzchenabend, wo Lenore sehr nett gegen sie gewesen war, schlossen sie ihr Herz auch gegen diese auf und zeigten ihr wenigstens einige Blätter des Buchs. Seit der Zeit hatte auch Lenore zuweilen den Vorzug gehabt, etwas hineinzuschreiben. Da aber ihre Stärke nicht sowohl war, Gefühle aufzuzeichnen, als vielmehr Gesichter und lächerliche Männchen zu malen, so hatte sie einige Karrikaturen hineingesetzt, und Hildegard, welche Gedichte machen konnte, hatte zu jedem Bilde einige Zeilen gedichtet. In dieses theure Buch durfte kein fremdes Auge blicken, Niemand durfte das Heiligthum sehen und berühren. Theone trennte sich niemals davon. Am Tage und in der Nacht trug sie es bei sich. Bei Nacht lag es unter ihrem Kopfkissen, und während die Kammerjungfer sie anzog, steckte sie es heimlich oben in den Schnürleib hinein und trug es an ihrem warmen unschuldigen Herzen. Es war ein ganz kleines dünnes Buch in carmoisine Seide gebunden. Wenn Hildegard sie zärtlich ansah, oder Lenore sie mit dem Ballstrauß auf den Arm schlug, so deutete sie mit dem Finger heimlich auf ihre Brust. An diesem Abend hatte sie das Buch wieder an seine Stelle geschoben, während der ersten Tänze hatte sie es deutlich gefühlt. Nach einer Quadrille fühlte sie danach, das Buch war verschwunden.
Es war verschwunden, es war nicht mehr an ihr, es mußte während des Tanzes hinausgesprungen oder hinabgeglitten sein bis auf den Fußboden. Wie so etwas möglich war, ist ihr selbst und allen Betheiligten ewig ein finsteres Räthsel geblieben. — Sie war einer Ohnmacht nahe; kaum vermochte sie Hildegard bei Seite zu ziehen und ihr das Schreckliche zu klagen. Hildegard rief Lenoren, vernichtet standen die Drei neben einander. Das Bundesheiligthum war verloren, es war in fremde Hände gefallen, ja entsetzlich zu denken, vielleicht sogar in die Hände der Grünen. Auf jeder der letzten Seiten waren schelmische Bemerkungen, sämmtliche Herren waren darin aufgeführt, mit fremden Namen zwar, Fink hieß Zeisig, Tönnchen Nußknacker, aber wer konnte dafür stehen, daß sie nicht diese Chiffresprache herausbrachten? Und was mußte dann geschehen! Es war Untergang! Ruin der Tanzstunde, Familienzwist, Auflösung aller menschlichen Bande. Theone saß verstört, sie dachte einen Augenblick an Gift, dann wieder an Flucht, weit hinweg aus allen Ländern, in denen man tanzte. Lenore faßte sich zuerst. »Laß uns suchen,« rief sie, Hildegard am Arme fassend, »vielleicht liegt's noch irgendwo im Saale. Ich sehe nach der Mitte, den Herren unter die Füße, du unter die Sitze der Damen.«