Gestade, das, jetzt allgemein für Küste gebraucht, ursprünglich aber ein Ort an der Küste, ein Platz am Ufer wo man nicht nur Waren für die Schiffe, sondern auch diese selbst aufstellen konnte, also eine Hafenanlage mit einfachen Aufschleppvorrichtungen. Vom althochdeutschen stadon, mittelhochdeutsch staden im Sinne von landen, am Lande die Schiffsgüter aufstellen, also eigentlich Landungsstelle; oberdeutsch Staden; althochdeutsch stad, mittelhochdeutsch stade. Der eigentliche Begriff ist der von irgendwo hinstellen und dadurch das, was vorher in Bewegung war zur Ruhe zu bringen; daher bestatten sowohl begraben als auch heiraten bedeuten kann. — Die Vorsilbe ge ist dieselbe wie in Geschwader und in Gezeiten.

Gezeiten, die. Das Wort getide hiess mittelniederdeutsch 1. ganz allgemein Zeit im Sinne eines Sammelbegriffes, „to allen getiden,‟ in aeternum. 2. Die Zeit die eine Ebbe und eine Flut umfaßt: „in jeder etmahl (s. Etmal) vorachtert das getide 4/5 parten von ein Uhr.‟ 3. Die kanonische Horen; „dar was eyn yunck broder, de so verkeert was dat he ghene ghetyde en wolde lesen.‟ — Althochdeutsch gizit, mittelhochdeutsch gezit = Zeit, hora, Gebetsstunde, altsächsisch getidi, horae canonicae. Jetzt wird das Wort nur noch seemännisch und zwar hydrographisch-astronomisch-meteorologisch gebraucht als Gesamtbezeichnung, als zusammenfassender Allgemeinbegriff für Ebbe und Flut und was damit in Verbindung steht; Gezeitenberechnung, Gezeitentafeln etc. etc. s. a. Tide. — Breusing: „Es ist unter unseren Geographen die Meinung verbreitet, als ob das hochdeutsche Wort Gezeit von Heinrich Berghaus erfunden, jedenfalls zuerst gebraucht sei. Das ist irrig; es tritt bereits im 16. Jahrhundert auf. Zuerst ist es mir begegnet in Guicciardini: Beschreibung der Niederlande; Frankfurt, 1582, fol. pag. 17 ff. Dann im 17. Jahrhundert in: Amerika durch Ziegler, bei de Bry; Frankfurt, 1617, fol. pag. 350. Im 18. Jahrhundert findet es sich in Krünitz' Encyklopädie, s. v. 18. Thl. 1779. Letzterer hat bereits die Gezeit, während Ziegler noch dem ndd. das getide entsprechend das Gezeit hat. Ich verstehe nicht, weshalb man sich von manchen Seiten gegen den Gebrauch des guten hochdeutschen Wortes sträubt, und möchte lieber sehen, dass sich unsere geographischen Lehrbücher endlich einmal von dem Worte Nippfluten, engl. neaptides, lossagten, welches kein deutscher Seemann und Küstenbewohner, wenn er nicht englisch kann, versteht, geschweige denn gebraucht,‟ s. Nipfluth.

Giek, das, auch Geik, deutlicher der Giekbaum, ist die Spier mit der der unterste Teil eines nach ihm benannten Gieksegels ausgesetzt wird; in der Marine nur bei Bootssegeln in Gebrauch. Der Giekbaum hat an dem inneren Ende einen Haken der in das Auge eines um den Mast liegenden Bügels gehakt wird, in dem dann der Giekbaum sich dreht. Giek hat demnach mit Geck dieselbe Bedeutung: drehen, sich drehend bewegen, beweglich sein. Das Tau womit der Giekbaum aufgetoppt wird heisst nach ihm Giektau, Geiktau, Geichel. Auffallend ist, dass dieselbe Spier, die Giek heisst, auch Giep (s. d.) genannt wird.

Gien, das, ist nichts weiter als unser deutsches Tackel, also eine Talje von besonderer Stärke, welche dadurch erzielt wird, dass man anstatt der einscheibigen drei- oder vierscheibige Blöcke nimmt. Es dient zum Bewegen besonders schwerer Lasten. So gab es zur Zeit, da die Kriegsdampfer noch zum Segeln eingerichtet waren, eine Vorrichtung die Schraube zu lichten, damit dieselbe die Fahrt nicht hemme; solches Schraubelichten geschah mit einem Schraubengien, einem sehr starken Takel, das eine Trosse von ungewöhnlicher Stärke bewegte, die um die Scheibe des Schraubenheberahmens gelegt ward (und wohl auch für sich allein Gien genannt ward, aber nur im Sinn des pars pro toto). Es ist also ein Gien das in der Mechanik unter dem Namen Flaschenzug bekannte Werkzeug in besonderer Verstärkung. Das Wort kommt durchs Englische vom lateinischen ingenium, ist also mit Ingenieur verwandt und stellt eine (verkürzte) Zusammenziehung von engine dar, welch letzterer Name der Vorrichtung um so eher gegeben werden konnte, als früher man sie noch komplizierter (mit einem Bock etc.) herstellte. „Gin a contraction of engine, 1. A machine or instrument by which the mechanical powers are employed in aid of human strength; especially a machine used instead of a crane, consisting essentially of three poles from 12 to 15 feet in length, often tapering from the lower extremity to the top, and united together at their upper extremities, whence a block and tackle is suspended, the lower extremities being planted in the ground about 8 or 9 feet asunder, and there being a kind of windlass attached to two of the legs.‟ Mit gin, dem von juniperus ginevra herkommenden Branntwein hat das Wort nichts zu thun. — Gienblock, Gienläufer, Gientau erklären sich nach dem Gesagten von selbst.

gieren. Wenn ein Schiff nach irgend einer Seite hin von dem vorgeschriebenen Kurse vorschriftswidrig abweicht, so giert es; sei es dass solches durch Schuld der Leute am Ruder, sei es dass es durch die eigentümliche Bauart des Schiffes verursacht ist. Ein Schiff ist luvgierig, wenn es das Bestreben hat nach Luv, leegierig, wenn es das Bestreben hat nach Lee abzuweichen; doch gieren die meisten Schiffe dann an meisten wenn sie recht vor dem Winde segeln. Das ist ein Nachteil, weil der Weg verlängert wird. Wird aber beim Winde gesteuert und ein Schiff ist luvgierig, so können die Segel leicht anfangen zu giepen, ja das Schiff kann „durchdrehen.‟ Das Wort bedeutet nichts anderes als unser „begierig sein‟, ein starkes, heftiges, sinnliches Streben nach etwas haben. Im Ostfriesischen wird gieren nicht bloss seemännisch gebraucht, sondern auch sonst im Sinne von abirren vom rechten Wege, ablenken, abschwenken, auch im moralischen Sinne: ausschweifen; man sagte früher auch begieren anstatt begehren. Im Jahre 1605 war ein Mädchen geschwängert und dafür von dem fürstlichen Matrimonial-Kommissarius zu schwerer Geldstrafe oder Landesverweisung verurteilt worden. (Der Mann kam in solchen Fällen billiger weg). Da sie nicht alles bezahlen konnte, legten sich die wenigen Nonnen, die noch als Staatspensionärinnen in dem (aufgehobenen) Kloster Thedingen wohnten ins Mittel und machten an den Fürsten eine Eingabe: „Sonsten aber presentiren sich die Conventualen zu Tedingen, wofern S. G. sich an den Brüchen nichts abgehn lassen wollen, solches und waß Ihre Gn. begierten, an ihrem Kostgeld abziehen zu lassen,‟ (Rentei-Rechnung des Amtes Leer).

Giep, das, ist der Sache nach dasselbe wie Giek (s. d.) nur wird bei dieser Benennung die Sache von einer anderen Seite aus angesehen. Während man bei Giek das Bewegliche im Auge hat, denkt man bei Giep an das Gespreizte, Auseinandergesperrte, indem giepen von gapen weiter gebildet ist wie gibbeln von gabbeln; gapen aber heißt gähnen, den Mund aufmachen, ihn weit auseinander machen. Von Giep gibt es ein Zeitwort giepen, das bezeichnet was man bei Rahesegeln durchdrehen nennt, „eine Eule fangen.‟ Wenn das Gieksegel von vorne Wind faßt und zurückschlägt, was entweder durch plötzliches Umschlagen des Windes oder beim Aufkreuzen und Beimwindeliegen durch Unachtsamkeit des Steuernden geschehen kann, so schlägt das Giep auf die andere Seite, das nennt man giepen. Durch dieses Zurückschlagen, behauptet Roeding, seien schon im Boot sitzende Leute erschlagen oder über Bord geschleudert worden. Daher wird von vorsichtigen Seeleuten der Giekbaum mit einem Bullentau gesichert.

Gig, die, ein leicht und schlank und etwas zierlicher als die andern gebautes, rasch bewegliches Boot zum Rudern und Segeln; auf Kriegsschiffen ausschließlich dem Kommandanten persönlich für seine Fahrten an Land, auf andere Schiffe, zu Ausflügen etc. zur Verfügung stehend. Mit Giek und Geck von einerlei Abstammung, wie denn auf Wangerooge Gek dazu gesagt wird. Man darf wohl dabei an das neuhochdeutsche gaukeln denken, sich rasch hin und her bewegen wie ein Gaukler, ein Taschenspieler, dessen ganze Kunst bekanntlich in dem Satze besteht, daß Geschwindigkeit keine Hexerei ist. Zu vergl. althochdeutsch goukolon, mittelhochdeutsch goukeln, Zauberei, Narrenspossen treiben. Kluge weist auf das siebenbürgische gekel, Marionette, und das gleichbedeutende thüringische gekelman hin, (und allerdings muß man dabei an etwas Bewegliches denken), und sagt: „Verwandt scheint althochdeutsch gougaron, mittelhochdeutsch gougern, umherschweifen, ferner mittelhochdeutsch gogeln, sich ausgelassen geberden, hin und her flattern, gogel Adj. ausgelassen, üppig, giege M. Narr;‟ bei Narr denkt er freilich an „Betörter‟, man kann aber auch eben so gut an die „Narrenspossen‟ des Mittelhochdeutschen denken, an einen ausgelassenen, lustig tanzenden und springenden Menschen, der, wie man zu sagen pflegt, „närrisches Zeug‟ treibt, wie es in dem bekannten Studentenliede heißt: „Unser Herrgott der muß am Ende selber drüber lachen, Was die Menschen für närrische Sachen tun machen.‟ Da nun offenbar der ganzen Sippe Geck, Giek und ihren Verwandten bis zum Gaukler hin der Begriff des „leicht Beweglichen‟ zu Grunde liegt, so ist gewiß auch Gig, dieses leicht bewegliche Boot, mit zur Familie zu rechnen; wenn je ein Boot auf den Wellen „gaukelt‟, so ist es eben die Gig.

Gilling, die, auch Gillung, heißt jede Verschmälerung, oder Erweiterung eines sonst grade verlaufenden Gegenstandes. So spricht man von der Gillung eines Segels, und vor allen Dingen nennt man beim Schiff den hervorspringenden, beziehungsweise den zurückspringenden Teil der Bordwand, die sich nach unten zu verjüngt, des Hecks, das unten schmäler und kürzer wird, also die Veränderung der Formlinie, die Krümmung der Geraden. Ob man sagen will: das Heck springt oben vor, oder: das Heck tritt unten zurück, — das hängt ja ganz davon ab, wie sich der Beschauer die Sache denken will. — Die Tischler nennen den vor- oder zurückspringenden Teil einer Holzkante Kehlung, und beide, Gillung und Kehlung, dürften ein und dasselbe Wort, nur mit verschiedener Aussprache sein. So darf man also eine Verwandtschaft mit Keil, niederdeutsch Kil, annehmen, und das Wort müßte Kilung geschrieben werden, wie auch die Tischler und andere Handwerker nicht Kehlung, sondern Keilung schreiben müßten, denn mit Kehle = Höhlung hat das Wort schon darum nichts zu schaffen, weil öfters, wenn der Keil wirklich einmal eine Rinne, Rille oder Höhlung hat, er alsbald Hohlkehle genannt wird, was nicht der Fall wäre, wenn Kehle schon allein Höhlung bedeutete. Die keilförmig zulaufende Gestalt gibt den Ausschlag; ein Keil ist ein schief oder schräge verlaufendes, in einer Spitze oder scharfen Kante auslaufendes Ding. Kil ist Benennung eines keilförmigen Grundstücks bei Wirdum; wahrscheinlich hat auch die Kieler Bucht, der Kieler Hafen von einer keilähnlichen Gestalt den Namen; „keilähnlich‟ braucht dabei nicht gepreßt zu werden, sondern muß im weiteren Sinne einer gebrochenen oder gebogenen Linie verstanden werden, wie es schon im Mittelalter bei geographischen Bezeichnungen verstanden wurde, da Kilian kille und kiele einfach mit sinus, Busen, übersetzt, sonst auch kyl. In diesem weiteren Sinne gebrauchen unsere Metallarbeiter das Wort Kehlung; sie nennen so jede von der Geraden abweichende Linie, dafern sie nicht grade im rechten Winkel verläuft, namentlich aber auch wenn sie eine Rundung darstellt.

Gischt, der, heißt eine Sprühsee, die vom Sturm schäumend gemachte Oberfläche des Meeres, namentlich da wo sie sich bricht, mit milchartiger Farbe und eigentümlich verklingendem Geräusch verbunden. Um dieses Geräusches willen könnte man an Lautmalerei denken, wenn es nicht ein Zeitwort gischen gäbe, das mit dem mittelhochdeutschen jesen und dem althochdeutschen jësan = „gären machen‟ verwandt ist, von der Sanskritwurzel yas, sieden, kochen. Indessen ist auch dieses lautmalend, wie das ähnlich klingende zischen, („und es wallet und siedet und brauset und zischt‟.) Daß bei gischen auf den Laut und nicht auf die Bewegung oder die Farbe geachtet ist, beweist der hochdeutsche Gebrauch des Zeitwortes beim Plätten. Da tupfen die Frauen mit nassem Finger an den Bolzen, um zu prüfen, ob er heiß genug sei, was er ist wenn „es gischt.‟ Man nennt auch gischen das Geräusch, das heißes Eisen, bezw. das Wasser macht, wenn ein Schmied die Zange mit dem eben geschmiedeten Stück zum Abkühlen in kaltes Wasser hält, („wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt, bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt‟).

Gissen, heißt in der Seemannssprache „vermuten‟ und wird nur in ganz bestimmter Verbindung gebraucht: „gegißtes Besteck‟. Wenn das Wetter unsichtig ist, so daß genaue astronomische Beobachtungen unmöglich sind, so wird das Besteck gegißt, d. h. es wird nach dem Loggen, nach der in den letzten 24 Stunden durch das Loggen festgesetzten Geschwindigkeit der Fahrt mit Berücksichtigung von Abtrift, Strömung und andern in Betracht kommenden Umständen ungefähr berechnet, auf welchem Längs-und Breitegrade am Mittag eines gegebenen Tages man sich befindet. Geschieht dies vom Koch und seinen Freunden in der Kambüse, oder sonst von Unberufenen ohne die nötige Unterlage und Genauigkeit, so wird es zum Kambüsenbesteck, geschieht es von Schiffs wegen durch den Navigationsoffizier, so heißt es „gegißtes Besteck.‟ Gissen ist ein allgemein-niederdeutsches Wort, das im Hochdeutschen nicht vorkommt, aber in dem Zeitwort vergessen steckt; es heißt denken, sinnen, meinen, raten, glauben, hoffen, mutmaßen, wähnen; englisch guess, schwedisch gisse, norwegisch gissa. Die Grundbedeutung ist halten (dafür halten). „Gissen maket bewillen missen‟ ist ein alter niederdeutscher Seemannsspruch; buten gissen = wider Erwarten, wider Vermuten; „alle unsalighen pleghen ere geiselen swaerer gissen den andern lude gheiselen.‟ „Wen men ock dagelikes Achtinge gifft, wo veel Fahrt dat Schip dorch dat Water hefft, und sick solckes inbildet, und entholt (einprägt und behält), dat he mit solcken Fortganck, daß dat Schip maket, so veel Milen in dat Etmahl segelen mag, alß he dorch Verandering der Brede und angesegelde Korß befunden hefft, so kan man mit der Tydt tho gode Gissinge kamen‟, „Kunst der Seefahrt‟ 1673.