Bald darauf kam Majull. Ina hatte eine längere Unterredung mit ihm über Kodaggo. Aus diesem Gespräch lernte sie folgendes. Kodaggo war sechzehn Jahre alt. Ina hatte ihn für bedeutend älter gehalten. Er war vor einigen Monaten aus der Regierungsschule auf die Reservation entlassen worden. Bei dieser Gelegenheit hatte der Superintendent der Schule ihm geraten, er solle auf eine der höheren Indianerschulen im Osten gehen. Es solle alles von der Regierung bezahlt werden. Der Superintendent hatte gemeint, Kodaggo habe sehr gute Anlagen und könne genug lernen, wenn er fleißig wäre und genügend Zeit opfere, um eines Tages Lehrer in einer der für seine Stammesgenossen gegründeten Schulen zu werden.

„Hat Kodaggo Lust, auf eine solche Schule zu gehen?“ fragte Ina.

Majull erwiderte: „Ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich habe von anderen Indianern gehört, daß er einerseits möchte, andererseits nicht. Seine Eltern haben nichts dawider, wie mir meine Brüder gesagt haben.“

Jetzt sah Ina ihren Weg klar vor sich. Kodaggo mußte auf die hohe Schule, und zwar auf die Schule, wo ihre Freundin Lehrerin war, jene Freundin, der sie kürzlich das Wort „nilchnscho“ geschrieben hatte. In zwei Wochen war Schulanfang. Es war also Eile vonnöten; noch heute wollte Ina mit Kodaggo reden. Der junge Mann hatte ihr in jener Nacht, da sie die Sänger zur Ruhe gebracht hatte, Vertrauen bewiesen, und Ina zweifelte nicht, daß ihr Wort bei ihm etwas gelten werde. Noch an demselben Tage hatte sie eine längere Unterredung mit Kodaggo. Als der junge Mann hörte, daß er noch etwa sechs bis sieben Jahre würde lernen müssen, wurde er stutzig und wollte nichts davon wissen. Ina setzte ihm aber auseinander, daß das Lernen und Leben auf der hohen Schule ein ganz anderes sei als das auf der Reservationsschule, und daß viele junge Indianer von allen möglichen Indianerstämmen auf dieser Schule zusammenkämen und froh wären, dort sein zu können und zu lernen, schwanden nach und nach seine Bedenken und schließlich sagte er, Ina solle alles für ihn bei dem Agenten und dem Schulsuperintendenten ordnen, er wolle gehen. Am Abend schrieb Ina einen Brief an ihre Freundin und legte ihr den jungen Mann, der in nächster Zeit auf ihre Schule kommen werde, warm ans Herz, erzählte ihr auch viel von Elinontis, seiner ihm nach Indianerbrauch bereits zugesprochenen zukünftigen Ehefrau.

Am nächsten Tage ordnete Ina die Angelegenheiten bei dem Agenten. Dieser sprach ihr ein sehr freundliches Lob darüber aus, daß sie in so kurzer Zeit sich das Vertrauen der Indianer erworben habe. Es seien ihm schon allerlei Gerüchte über ihre Tätigkeit zu Ohren gekommen und besonders freue es ihn, daß sie sich auch um die jungen Leute bekümmere und sie in der rechten Weise zu beeinflussen suche. Kein Menschenherz ist unempfänglich für Lob und Anerkennung. Wer wollte es Ina verdenken, daß sie sich über die Worte ihres Vorgesetzten freute!

Mit Elinontis schien seit dem Tage, da Ina ihr den Arm verbunden hatte, eine Veränderung vorgegangen zu sein. Das Kind wurde zusehends zutraulicher und dreister. Elinontis kam nun schon unaufgefordert ins Haus, ging darin umher und beschaute sich all die schönen Dinge aus der Nähe. Sie faßte nichts an, nur wenn sie an dem Bett vorbeiging, streichelte und befühlte sie die schöne weiche Decke. Das tat sie jedesmal, wenn sie ins Haus kam. Aber eins tat das Kind nicht. Es sprach nicht. Ina hatte noch kein Wort aus seinem Munde gehört. Elinontis schaute ihre Freundin wohl zuweilen mit ihren großen schwarzen Augen an, aber nicht einmal in den Augen war etwas zu lesen, was das Kind zu sagen sich scheute. Sie nickte auch nicht mit dem Köpfchen, sie schüttelte den Kopf nicht. Es hatte fast den Anschein, als könne das Kind weder hören noch reden. Das war aber nicht so. Ina wußte ganz genau, daß die Kleine sehr scharf hörte, und als sie Majull einmal fragte, ob das Kind etwa nicht reden könne, hatte er gelacht und sie daran erinnert, daß er ihr eines Tages gesagt habe, daß die Zeit schon kommen werde, da Elinontis mit ihr spreche, sie solle nur warten. So wartete denn Ina von einem Tage zum andern.

Elinontis konnte reden. Wenn das Kind, wie heute, mit seiner Mutter zusammensaß, dann waren die kleinen Lippen fast immer in Bewegung, und die süße kleine Stimme hatte der Mutter beständig etwas zu sagen. Letztere war auf dem besten Wege zu völliger Genesung. Heute saß sie mit Elinontis vor ihrer Hütte im Sonnenschein. Die Indianer lieben die Sonne, sie sitzen lieber in der Sonne als im Schatten. Die Mutter konnte bereits wieder kleine Arbeiten verrichten. Ihre Hände beschäftigten sich mit einer Perlenarbeit. Es sollte ein Halsband werden. Sie reihte Perle an Perle. Elinontis reichte ihr die Perlen aus einer kleinen irdenen Schüssel, die sie in ihrem Schoß hatte. In derselben waren Perlen von allen denkbaren Farben. Elinontis wußte ganz genau, ob jetzt eine rote oder eine blaue, eine weiße oder eine gelbe Perle kam. Neben der irdenen Schüssel in Elinontis Schoß lag ein fertiges Halsband. Auf blauem Grunde zeigte es buntfarbige Wüstenblumen und grüne Blätter. Dieses Halsband diente der Mutter zum Muster, danach sie ihre Arbeit anfertigte. Die kleine Elinontis verstand nach diesem Muster der Mutter immer die richtige Perle zuzureichen. Sie machte nie einen Fehler. Die Mutter konnte ohne Bedenken die Perle, die Elinontis ihr mit der kleinen Hand reichte, auf ihre Nadel nehmen und damit weiterarbeiten. So ging die Arbeit schnell und fröhlich voran. Die Mutter brauchte keine Zeit damit zu versäumen, die Perlen auszusuchen, und Elinontis war froh, daß sie helfen konnte und durfte, denn das Halsband sollte — Ina bekommen. Heute war Elinontis besonders froh, denn es war Aussicht vorhanden, daß das Halsband heute fertig werden würde. Es war Sonnabend. Ina hatte den freien Tag dazu benutzt, gleich nach Mittag zu der zehn Meilen weit entfernten Agentur der Regierung zu reiten. Majull war nicht bei ihr. Ina war ganz allein. Elinontis kannte weder Zeit noch Uhr, aber das Kind konnte es fühlen, wann Ina etwa wieder zurück sein könne. Wenn das Halsband bis zu der Stunde fertig sein würde, wollte Elinontis von der Höhe des Hügels aus Umschau halten und wenn sie Ina kommen sah, wollte sie hinlaufen und ihr das Geschenk der Mutter übergeben. So hatten die beiden, Elinontis und ihre Mutter, sich die Sache ausgedacht.

„Was willst du denn zu der weißen Frau sagen, wenn du ihr das Halsband gibst?“ fragte die Mutter.