Als alles fertig war, ließ Ina der Mutter und ihrem Kinde durch Majull sagen, der Arm werde nur noch kurze Zeit weh tun, dann werde sich der Schmerz legen und in etwa zwei oder drei Wochen werde alles wieder gut sein. Sie dürften aber nicht an dem Verbande rühren und Elinontis solle den Arm nicht aus der Schlinge nehmen. Hierauf wurde die kranke Frau besorgt. Als Ina an den Wasserkrug trat, fand sie ihn gefüllt.
„Wer hat heute das Wasser geholt?“ fragte sie.
„Kodaggo,“ entgegnete Majull.
„Ist Kodaggo ein Verwandter dieser Frau?“
„Noch nicht,“ erwiderte Majull, „aber er will eines Tages die kleine Elinontis heiraten.“
„Elinontis heiraten?“ fragte Ina ganz entsetzt „sie ist ja ein kleines Kind.“
„Aber sie wird größer und älter werden,“ sagte Majull, „Kodaggo sagt, er sei noch jung, er könne warten. Es sei hier kein zweites so gutes Mädchen wie Elinontis, er warte noch etliche Jahre, dann werde er sie heiraten. Seine Eltern und die Mutter der Elinontis sind damit zufrieden. Das ist schon alles ausgemacht. Wäre Elinontis älter und stärker, so könnte sie jetzt schon seine Frau werden. Sie hat Verstand genug dazu. So sagen alle Indianer.“
Ina war entsetzt; sie sagte aber nichts, sondern nahm sich nur vor, das Kind umsomehr im Auge zu behalten.
Mit Kodaggo wollte Ina am nächsten Morgen ein Wort reden, wenn er kommen würde, um Wasser zu holen. Wer aber beschreibt ihr Erstaunen, als nicht Kodaggo sondern Elinontis zum Brunnen kam! Elinontis hatte, wie es ihr geheißen war, den kranken Arm in der Schlinge, den Krug trug sie wie immer an dem Riemen, den sie über die Stirn gelegt hatte. Ina sah die Kleine durchs Fenster, sie war noch mit dem Ankleiden beschäftigt. „Es ist das Blut der Wilden,“ dachte sie, „das noch in den Adern dieser Leute rollt. Welches weiße Kind würde an solche Arbeit denken, welche weiße Mutter würde ihr Kind zu solcher Arbeit aussenden, nachdem es sich am Tage zuvor den Arm gebrochen hat.“ Ina warf sich schnell ein Tuch über die Schultern und eilte hinaus. Elinontis war gerade am Brunnen angelangt, als sie kam. Heute lief das Kind nicht fort. Sie schaute aber die weiße Frau fragend an und ließ es ohne Widerstreben geschehen, daß Ina ihr den Krug von der Schulter nahm, denselben füllte und ihr dann ein Zeichen machte, sie solle ihr ins Haus folgen. Ina trug den Krug zu der Haustür und stellte ihn dort auf den Erdboden. Dann ging sie hinein und kam bald darauf mit einem Stück Brot und einem Becher Kaffee zurück. Als sie herauskam, hatte Elinontis den Krug wieder auf dem Rücken und wollte gerade fortgehen. Als Ina ihr aber den dampfenden Kaffee auf die Steintreppe stellte und das schöne Stück Brot daneben legte, folgte sie doch der mit Zeichen gegebenen Einladung, setzte sich auf die Steintreppe und fing an zu essen und zu trinken. Um das Kind nicht zu stören, zog Ina sich in ihr Haus zurück, sah aber noch, daß Elinontis die größere Hälfte ihrer Honigbrotschnitte abbrach und beiseite legte. Sie wollte sie ohne Zweifel wieder der Mutter mitnehmen.
Ina setzte sich in der Küche an ihren Tisch und verzehrte ihr Frühstück. Wie gern hätte sie das Kind neben sich sitzen gehabt! Daran durfte sie jetzt aber noch nicht denken. Es wäre noch nicht dazu zu bewegen gewesen, und hätte Ina es erreicht, daß Elinontis in die Küche gekommen wäre, so hätte die Kleine sicher nicht in ihrer Gegenwart gegessen. Ina sah aber im Geiste den Tag kommen, wo das Kind anfangen würde, neben ihr zu sitzen und mit ihr zu essen und zu trinken. Als Ina nach Beendigung ihrer Mahlzeit wieder an die Haustür ging, war Elinontis verschwunden und mit ihr der Becher, aus dem sie den Kaffee getrunken hatte. Nein, so etwas! Das Kind war also nicht ehrlich. Das wußte Elinontis, daß Ina ihr den Becher nicht hatte schenken wollen. Ina war betrübt über diese unerwartete Entdeckung! Langsam drehte sie sich um und kehrte in ihr Zimmer zurück. Sieh da, welche Überraschung! Der Becher stand auf dem Tisch. Das Kind war im Zimmer gewesen und hatte ihn auf den Tisch gestellt. Es hatte wohl befürchtet, daß irgend ein Vorübergehender den Becher möchte stehen sehen, nachdem sie fortgegangen war, und auf den Gedanken kommen könnte, denselben zu stehlen. Anstatt zu stehlen, hatte Elinontis, gerade als ob sie die Erklärung zum siebenten Gebot gelernt hätte, daran gedacht, ihrer weißen Freundin ihr Gut und Nahrung „helfen bessern und behüten.“ Ina fühlte sich betrübt und beschämt, daß sie so arge Gedanken wider das liebe Kind in ihrem Herzen hatte haben können.