Es sterben so viele Kinder, die in die großen Indianerschulen kommen. Sie können nicht vertragen, in Häusern zu leben. Sie sind an das Leben in der frischen freien Luft gewöhnt. In den Häusern werden sie schwindsüchtig und siechen dahin wie Vögel, die man einfängt und in einen Käfig steckt. Es ist ein großes Sterben unter den Indianerkindern, denen der weiße Mann, um sie zu erziehen, den blauen Himmel und die goldene Sonne raubt und ihnen dafür die düsteren Schulräume gibt. So packte die böse Schwindsucht auch die zarte kleine Lucile.
Dem alten Norisso wurde die Nachricht gebracht, daß sein Kind krank sei und im Hospital liege. Es wurde ihm nicht gesagt, daß es mit dem Kinde zum Sterben gehe, aber als der alte Mann es zum ersten Male besuchte, merkte er, daß es sehr krank war, und sein Herz zitterte und bangte um seinen Liebling. Sieben Meilen war Norissos armselige Sträucherhütte von der großen Schule entfernt, und jeden Morgen und jeden Abend machte der alte Mann den weiten Weg, um nach seinem Kinde zu fragen und es zu besuchen.
Wenn Norisso kam, sagte er: „Ich will das kleine kranke Mädchen sehen. Ich bin ihr Vater, müßt ihr wissen. Ich muß sie sehen.“ Dann wurde er an das Krankenbett geführt. Es war eigentlich gegen die Regel, daß ein Anverwandter eines kranken Kindes so oft kommen durfte, um eine Kranke zu besuchen. Mit dem alten Norisso wurde aber eine Ausnahme gemacht. Jedesmal, wenn er kam, sprach er die obigen Worte, als hätte er sie auswendig gelernt, aber in einem Ton, daß niemand es gewagt hätte, ihm seine Bitte abzuschlagen. Vor seinem „Ich bin ihr Vater, ich muß sie sehen“ beugten sich selbst die strengen Anstaltsregeln.
Norisso kam nie mit leeren Händen. Er brachte immer etwas mit, um sein Kind zu erfreuen. Es waren oft recht wundersame Dinge, die seine Liebe zu dem Kinde ihn hatte suchen und finden lassen. Norisso war ein armer, sehr armer Mann. Er konnte nicht in ein Geschäft gehen und kaufen, was er seinem Kinde gern gegeben hätte, aber die Liebe ist erfinderisch, und Lucile war über nichts so froh als über das, was ihr der Vater brachte. Zuweilen kam auch eine der Lehrerinnen und besuchte die kranke Lucile. Die kam dann auch nicht mit leeren Händen, aber die Dinge, die die Lehrerinnen brachten, waren nichts gegen das, was der alte Vater brachte. Der alte Norisso zog bunte Steine, bunte Lumpen, bunte Blumen, bunte Papierstückchen aus der Tasche. O, wie dann die Augen des Kindes leuchteten, wie sie die alten Hände des Vaters streichelte, wie sie sogleich anfing, mit den mitgebrachten Dingen zu spielen!
Die Wärterinnen waren meistens sehr ungehalten über all den Unrat, wie sie die Gaben nannten, die Norisso dieser auf die schönen reinen Bettdecken ausbreitete, aber sie mochten die Freude des Kindes nicht stören.
Eines Tages kam der Alte mit einem jungen Hunde. Lucile hatte Hunde so lieb, wie überhaupt alle Tiere. Das ging aber doch nicht. Norisso durfte den kleinen Hund garnicht mit ins Haus nehmen, nicht einmal zeigen durfte er ihn dem Kinde. Er mußte ihn draußen lassen und ihn, nachdem er die Kleine besucht hatte, wieder mit nach Hause nehmen.
Der Alte wußte sich aber zu helfen. Am nächsten Tage kam er und hatte ein totes Eichkätzchen in seiner Tasche. Das gab er dem Kinde. Die Freude und der Jubel der kranken Lucile waren so groß, daß die Wärterin sich nicht entschließen konnte, der Kleinen das tote Tier wegzunehmen. Erst als Lucile am Abend mit dem Eichkätzchen im Arm eingeschlafen war, nahm ihr die Wärterin das geliebte Geschenk des Vaters heimlich fort und schaffte es beiseite. Lucile meinte am nächsten Morgen, das Tierchen sei über Nacht wieder lebendig geworden und durch das offenstehende Fenster davongelaufen, freute sich darüber und gönnte dem Tier die wiedergewonnene Freiheit und das Leben. Lucile erzählte dem Vater, als er kam, was nach ihrer Meinung mit dem Eichkätzchen vorgegangen war. Der Alte wußte es natürlich besser, sagte aber nichts, sondern ließ das Kind bei seinem Glauben. Als aber gleich darauf eine der Wärterinnen durch den großen Saal ging, schaute er derselben sehr unwillig nach und ballte die Faust. Lucile merkte nichts davon, sie war heute sehr müde und hielt die großen schwarzen Augen fast immer geschlossen, was sie sonst nie tat, wenn der Vater bei ihr war.
Einige Tage später hieß es eines Morgens: „Lucile ist tot, heute Nacht ist sie gestorben.“
Als der alte Norisso kam und sein gewohntes: „Ich bin ihr Vater, ich muß sie sehen“ sagte, führte man den alten Mann zur Leiche seines letzten Kindes.