Sein Schmerz läßt sich nicht beschreiben. Sein Letztes, sein Alles war ihm genommen. Nun hatte er nichts mehr auf dieser Welt. Dazu war Norisso ein Heide. Er gehörte zu den Leuten, die keine Hoffnung haben. Er wußte nichts von Dem, der dem Tode die Macht genommen und unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat. Von einer Auferstehung der Toten, einem ewigen seligen Leben, einem Wiedersehen und Wiederfinden bei Gott im Himmel hatte er noch nie gehört. Trostlos stand er an der Leiche seines Kindes und starrte dieselbe an. Es kam keine Träne in seine Augen, aber er zitterte und bebte am ganzen Leibe. Den Wärterinnen wurde ganz bange zu Mute in seiner Gegenwart, und als Norisso gar keine Anstalten machte, fortzugehen, riefen sie den Herrn Superintendenten der Schule, damit er dem Manne sage, daß er nun wieder gehen müsse. Sie hätten ihm das aber ganz getrost selber sagen können. Sobald Norisso hörte, daß er nun gehen solle, ging er. Es wurde ihm auch noch mitgeteilt, daß Lucile am nächsten Tage beerdigt werde, und daß er dem Begräbnis beiwohnen solle. Er nickte mit dem Kopfe und ging.

Am nächsten Tage wurde denn Lucile beerdigt. Man kann in dem heißen Arizona eine Leiche nicht lange stehen haben, besonders in einer Schule muß sie so schnell wie möglich beiseite geschafft werden.

Der alte Norisso kam schon zu früher Stunde. Er war in eine ganz neue wollene Decke gehüllt. Niemand wußte, wo der arme Mann das Geld mochte hergenommen haben, sich diese Decke zu kaufen. Wer aber auf seine Hand geblickt hätte, hätte den breiten goldenen Ring vermißt, den Norisso viele, viele Jahre beständig getragen hatte. Norisso hatte diesen Ring gestern verkauft und für den Erlös die neue Wolldecke erstanden.

Es war alles sehr schön. Die sämtlichen Schulkinder, über dreihundert an der Zahl, gingen mit zur Beerdigung. Auch der Herr Superintendent war erschienen, seine Frau und alle die vielen Angestellten der großen Schule waren zugegen. Man hatte sogar einen Prediger aus der nächsten Stadt kommen lassen. Dafür hatte eine der Lehrerinnen gesorgt, die ein frommes Herz besaß und die kleine Lucile in ihrer Klasse gehabt hatte. Aus der Stadt war auch der hübsche weiße Sarg gekommen. Die Kiste aber, in die der Sarg gestellt werden sollte, ehe er in die Grube hinabgelassen wurde, hatten die großen Jungen unter Anleitung ihres Lehrers in der Schreinerschule gemacht. Die Jungen hatten diese Kiste sehr schön gemacht. Die Bretter waren glatt gehobelt und alle sauber und genau zusammengesetzt. Der Herr Superintendent sprach dem Schreinerlehrer einige anerkennende Worte über die Arbeit aus. Es war kurz zuvor der Sarg in die Grube hinabgelassen worden. Einige der andern Angestellten hörten diese Worte und beneideten den Schreinerlehrer um das Lob, das ihm gezollt wurde.

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Zwei von ihnen hatten jeder zwei Kinder, der eine sogar ihrer drei.

Der Prediger hatte die letzten Worte seiner Rede und darauf ein Gebet gesprochen; die dreihundert Schulkinder sangen ein Lied, und dann wurde der Sarg noch einmal geöffnet, damit der Vater einen letzten Blick auf sein Kind werfen konnte. Da lag nun die Leiche vor ihm. Sie sah garnicht aus, als wenn sie sein Kind, als wenn sie ein Indianerkind wäre. Lucile war in ein feines weißes Spitzenkleidchen gekleidet. An den Beinen hatte sie weiße Strümpfe und weiße Schuhe an den Füßen. Ein Kranz von künstlichen weißen Blumen lag auf ihrem schwarzen Haar. Der Kranz war so breit und dick, daß von den Haaren fast nichts zu sehen war. Der Alte rührte sich nicht und kein Laut kam über seine Lippen. Der Sarg wurde wieder geschlossen, dann in die Kiste gestellt; diese wurde ebenfalls geschlossen, und dann mit dem schönen Sarg in die Grube hinabgelassen.

Da stand nun letzterer in der dunkeln, kalten Erde, ganz allein, und die tote Lucile lag darin. In seine neue wollene Decke gehüllt, stand der alte Norisso am Grabesrande und schaute zu seinem Kinde hinab. Dicke große Tränen rollten dem Alten die braunen Wangen hinab. Er murmelte etwas vor sich hin, aber niemand konnte verstehen, was er sagte. Es schien auch nicht für die Ohren anderer Leute bestimmt zu sein, vielleicht für die der kleinen Lucile, die in der Ewigkeit weilte.