Nachdem Norisso damit fertig war, kletterte er wieder in das Grab hinab. Unten angelangt, zog er den in die wollene Decke gewickelten Sarg hinter sich her und stellte ihn an seinen alten Platz.
Als der Alte nun aber wieder aus der Gruft heraussteigen wollte, versagten ihm die Kräfte. Er konnte nicht allein wieder in die Höhe kommen. Mehrere Hände streckten sich aus, um dem alten Manne zu helfen. Unter diesen Händen auch die der frommen, kleinen Lehrerin, die den Herrn Pastor auf ihre Rechnung hatte kommen lassen. Nicht ohne Mühe wurde Norisso wieder aus dem Grabe gezogen.
Wie um Kräfte zu sammeln, setzte der Greis sich einen Augenblick an den Rand des Grabes. Dann stand er auf. Er winkte den Jungen, sie sollten ihre Spaten holen und ihre Arbeit vollenden. Dann wandte er sich ab und ging fort. Er kam aber noch einmal zurück, trat wieder an den Rand des Grabes, deutete mit der Rechten auf den in der Tiefe stehenden Sarg und sagte langsam, jedes seiner Worte scharf betonend: „Sie war eine Indianerin, das sollt ihr wissen. Und ich war ihr Vater, das sollt ihr wissen.“
Dann ging er. Er schaute sich nicht mehr um, aber alle Anwesenden schauten ihm nach. Bald war er ihren Blicken entschwunden.
Auf dem Heimwege sagte einer der Angestellten zu einem der ihn begleitenden Herren: „Ich werde nie wieder über einen Indianer lachen, der in seine wollene Decke eingehüllt geht. Ich habe das oft getan. Ich habe mich auch oft darüber geärgert. Fortan werde ich weder lachen noch mich ärgern, sondern immer an das denken, was ich heute gesehen habe. Ich werde den alten Norisso nicht vergessen, wie er den Sarg, der sein Kind barg, aus der Erde holte und ihn in seine wollene Decke wickelte, um uns zu zeigen, wie lieb der Indianer letztere hat und wie viel ihm darum zu tun ist, ein Indianer zu sein und zu bleiben.“
Hätten das noch mehr Leute gesehen, so würden sie nicht mehr lachen und spotten über die wollenen Decken, die die Indianer so hoch schätzen.
Mein erster Schultag.
Im Jahre 1877 wurde ich nach dem Westen Amerikas auf eine der dortigen Indianerreservationen geschickt, um daselbst eine Schule anzufangen. Auf der Reservation, zu der ich gesandt wurde, war bis dahin noch keine Schule gewesen. Keiner der dort lebenden Indianer hatte eine Schulerziehung genossen. Keiner konnte die englische Sprache reden und verstehen. Man sagte mir dies alles, bevor ich meine Reise dorthin antrat. Der Verwalter der Reservation, Agent genannt, hatte kürzlich ein Schulhaus, sowie ein Wohnhaus für mich und meinen Gehilfen aufführen lassen. Ich war noch jung und hatte wenig Erfahrung im Schulehalten. Ich konnte nicht recht verstehen, wie man dazu gekommen war, mich für diesen Posten auszuersehen. Aber ich war gesund, kräftig und unternehmungslustig. Das war wohl der Grund, warum man gerade mich dahin schickte.
Von meiner langen Reise, von Land und Leuten, die ich an meinem Bestimmungsorte antraf, will ich hier nicht erzählen, sondern nur von meinem ersten Schultage. Ein erster Schultag ist ja immer etwas besonderes. Ich werde ihn in meinem ganzen Leben nicht vergessen, obwohl schon etliche Jahrzehnte seit jenem Tage verflossen sind.