In all den vielen Indianerhütten war angezeigt worden, daß die Erwachsenen am nächsten Morgen alle Kinder in das neue Haus bringen sollten. Das Schulhaus bestand aus einem großen Zimmer. Die eine Hälfte desselben war mit Tischen und Bänken besetzt, die andere war leer. Auf dieser freien Hälfte sollten die Kinder den Anweisungen entsprechend, die ich erhalten hatte, körperliche Übungen machen.
Obwohl man zu den Indianern nur durch Zeichen hatte reden können, hatten sie doch alle verstanden, was vor sich gehen sollte. Der Indianer besitzt eine seltene Geschicklichkeit darin, sich durch Zeichen und Mienen verständlich zu machen, und wer sich die nötige Mühe gibt zu lernen, kann in kurzer Zeit von ihm lernen, sich ihm verständlich zu machen. Wie gesagt, die Indianer, die vom Hörensagen wohl wußten, was es mit einer Schule für eine Bewandtnis hat, hatten alle verstanden, daß auch sie nun eine Schule bekamen, und daß ihre Kinder dahin gehen sollten.
Der Morgen, an dem ich meinen ersten Schultag halten sollte, brach an. Ich stand früh auf voller Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Die Hauptfrage war für mich zunächst, wie viele Kinder ich wohl erhalten würde.
Zur festgesetzten Stunde läutete ich die neue große Schulglocke. Es dauerte auch nicht lange, so kamen die Indianer an. Sie kamen von allen Seiten, teils zu Fuß, teils auf ihren kleinen Pferden reitend. Aber, was war denn das? Ich sah nicht ein einziges Kind. Nur Männer und Frauen, junge und alte und ganz alte waren erschienen. Es waren ihrer etliche hundert, aber abgesehen von den Säuglingen, die die Mütter auf den Armen trugen, waren keine Kinder dabei. Die Leute kamen nicht ins Haus, sie setzten sich vor der weit geöffneten Eingangstür auf den Erdboden.
Nun erschien auch der Herr Agent. In seiner Begleitung befanden sich einige der weißen Regierungsangestellten und ein Dutzend berittener Indianerpolizisten.
Der Agent sah auf den ersten Blick, daß die Kinder fehlten. Wo waren letztere? Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis man der Sache auf den Grund kam. Die Indianer, die alle Mann für Mann von der neuen Schule nichts wissen wollten, hatten ihre Kinder in die Berge gejagt und ihnen Auftrag gegeben, sich zu verstecken. Sie selbst aber hatten es nicht gewagt, der Aufforderung des Agenten nicht nachzukommen und waren erschienen. Sie behaupteten freilich, die Kinder wären ihnen davongelaufen, sie wüßten nicht, wo sie seien, aber das war nicht der Wahrheit entsprechend, wie sich im Laufe der Verhandlungen herausstellte.
Jetzt wandte sich der Agent an seine Polizisten. Diese waren verheiratete Männer und hatten alle schulpflichtige Kinder. Er wollte wissen, wo sie ihre Kinder hätten. Die Polizisten hatten es geradeso gemacht wie die übrigen. Auch sie hatten sie in die Berge gejagt.
Nun machte der Agent der ganzen Gesellschaft klar, daß sie sich sofort auf die Suche nach ihren Kindern machen und dieselben, sobald sie sie gefunden hätten, in die Schule bringen sollten. Die Indianer schienen zu merken, daß es Ernst sei; sie erhoben sich einer nach dem andern und gingen und ritten davon. Bald waren sie den Blicken der Zurückbleibenden entschwunden. Der Agent ging mit seinen Angestellten wieder in sein etwa eine Meile entferntes Bureau, und mein Gehilfe und ich blieben allein zurück.
Wir beide setzten uns auf die Schwelle der Haustür und warteten auf das, was kommen werde. Wir sprachen darüber, ob die Indianer wohl zurückkommen und ihre Kinder bringen würden und hatten so unsere Bedenken. Wir mochten wohl eine gute Stunde gewartet haben, da sahen wir etliche Reiter kommen. Es waren ihrer drei. Sie hatten es nicht sehr eilig. Jetzt kamen sie näher. Wir konnten erkennen, daß es Polizisten waren und sahen auch, daß sie nicht allein auf ihren Pferden saßen. Jeder von den dreien hatte ein paar Kinder hinter sich sitzen — zwei von ihnen hatten je zwei Kinder, der dritte sogar drei. Im ganzen waren es sieben Kinder, zwei Mädchen und fünf Knaben.
Einer der Polizisten hatte in dreijährigem Dienst auf der Agentur ein wenig englisch gelernt, vielleicht mehr als er zeigen mochte. Aus ihm bekamen wir so nach und nach heraus, daß die sieben Kinder den drei Polizisten gehörten, daß dies aber auch die einzigen Kinder seien, die kommen würden, die andern seien alle weit, ganz weit weg, sie kämen vielleicht nie wieder.