Ina stand am Morgen früh auf, kleidete sich an und trat hinaus vor ihre Haustüre. Etwa siebenzig Schritt weit von dem Hause entfernt befand sich ein Ziehbrunnen. Ina hatte denselben schon am Tage zuvor gesehen, auch Wasser dort geholt und etlichen Indianerfrauen zugeschaut, die gekommen waren, um Wasser zu holen. Heute morgen stand da am Brunnen ein kleines Indianermädchen, struppig und schmutzig, in zerrissenen Kleidern. Die Kleine mochte etwa sechs Jahre alt sein. Sie wollte gerade den Eimer in den Brunnen hinablassen, als sie die aus dem Hause tretende weiße Frau erblickte. Schnell stellte sie den Eimer wieder an seinen Platz, ergriff ihren Krug, hängte sich denselben an einem Riemen über den Kopf, warf noch einen scheuen, bösen Blick auf die unbekannte, neu angekommene Weiße und lief, so schnell sie konnte, davon.
Ina rief hinter ihr her: „Ich tue dir nichts, ich tue dir nichts,“ aber das Kind verstand ihre Sprache nicht, und hätte sie dieselbe verstanden, so wäre sie doch nicht stehen geblieben. Das kleine Mädchen hatte oft von seiner Mutter gehört, daß alle weißen Leute böse seien, daß man ihnen immer aus dem Wege gehen und nie mit ihnen reden müsse. Es wohnten Furcht und Haß in dem Herzen des Kindes, sie wollte gleich ihrer Mutter von den Weißen nichts wissen und nichts mit ihnen zu tun haben.
Ina wußte, daß die Indianer so zu den Weißen standen. Heute machte sie die erste Erfahrung davon und, das tat ihr weh. Sie grollte aber dem kleinen Mädchen nicht, im Gegenteil nahm sie sich vor, alles zu versuchen, um mit Gottes Hilfe das Herz des kleinen Mädchens zu gewinnen.
Während Ina noch mit ihrem Frühstück beschäftigt war, klopfte jemand an ihre Haustür. Sie stand auf und öffnete. Vor der Tür stand ein großer stattlicher Indianer. Er war in eine blaue, mit gelben Streifen besetzte Uniform gekleidet. Auf der linken Brust trug er einen großen silbernen Stern. Ina erkannte sofort, daß sie einen Indianerpolizisten vor sich hatte. Der Mann nahm seinen Hut ab und sagte, er sei vom Agenten gesandt, um sie auf ihren Ritten zu den Indianerhütten zu begleiten. Er würde jeden Tag kommen außer Sonnabends und Sonntags. Die beiden Tage seien Ruhetage. Er werde jetzt in den Stall gehen, das Pferd reinigen, füttern und satteln und in etwa einer kleinen Stunde alles fertig haben, um mit dem Fräulein fortzureiten.
„Es freut mich, daß du alle Tage kommen willst,“ sagte Ina. „Ich hoffe, wir werden gute Freunde werden.“ Sie reichte dem Indianer die Hand.
Der Mann schaute verwundert drein; er schien nicht gewohnt zu sein, daß Regierungsbeamte ihm die Hand reichten, ergriff aber Inas Rechte und drückte sie herzlich.
„Ich sehe, daß du ein Polizist bist,“ sagte Ina, „das ist ja recht schön, aber wenn du mit mir gehst, darfst du nicht als ein Polizist mit mir gehen.“
„Das muß sein,“ fiel ihr der Indianer in die Rede, „die Indianerfrauen tun sonst nicht, was du ihnen sagst.“
„Ich denke anders darüber,“ sagte Ina, „ich will nicht, daß die Frauen tun, was ich ihnen sage, weil sie denken, sie müssen. Ich möchte nicht, daß sie gezwungenermaßen gehorchen, sondern daß sie tun, was ich ihnen sage, weil sie es tun wollen.“
„Sie werden nie tun wollen, was du ihnen sagst, wenn man sie nicht zwingt,“ meinte der Polizist.