Die Warnungen der Großmutter machten keinen Eindruck auf das Mädchen. Und so hielt denn endlich nach der Ernte Berthold Frank vom Oberhof seinen Einzug auf das Lindengut. Gottfried hatte kurze Zeit darauf zwar die Absicht ausgesprochen, nach Knauthain zu übersiedeln, wo ein entfernter Verwandter seiner Mutter lebte, aber Frank hatte erklärt, daraus würde nichts, und so war Gottfried geblieben. Frank ahnte nicht, was seinen Knecht vom Hofe forttrieb; eins aber wußte er: daß er niemals wieder einen so unverdrossenen und arbeitsfreudigen Besorger seiner eigenen Pflichten in der Wirtschaft bekommen würde.

Mit Berthold Franks, des trunksüchtigen Oberhofbauern Sohnes Einzug auf dem Lindengut war der Frieden, der solange an dieser Stätte regiert hatte, gewichen. Denn zu derselben Stunde, in der der festlich geschmückte Hochzeitswagen von vier starken Braunen gezogen unter dem Jubel der Gäste und dem brausenden Tusch der Musikanten durch das weitgeöffnete Tor auf dem Hof rollte, schlichen in grauen Gewändern und mit hämischen Blicken unbemerkt zwei Frauengestalten durch die in schmalem Spalt offenstehende Hintertür auf das ehemalige Besitztum des alten Honigmanns; ihre Namen aber waren Kummer und Gram.

Im ersten Jahre tat der junge Bauer seine Pflicht wie es ihm zukam, und es schien, als ob der Besitz eines blühenden, fröhlichen Weibes und des schmucken Lindengutes alle Bedenken zunichte mache, die manchen im Dorfe bei dieser Verbindung überkommen waren. Aber die Sünden der Väter rächen sich sattsam an den Kindern, und Berthold Frank war ein echter Sohn des seit Jahren in wüstem Taumel dahinlebenden Oberhofbauern.

Solange Mariannens Großmutter lebte, nahm sich Frank höllisch zusammen. Denn der Hof gehörte noch nicht ihm, und durch einen Federstrich konnte sie zu Gunsten seiner Kinder ihr Testament umstoßen und ihm harte Einschränkungen durch die Obrigkeit auferlegen. Bei aller Frömmigkeit und Milde wohnte nämlich in dem müden Körper der alten Bäuerin eine streitbare Natur, und ihre Zunge war flink und nannte das Kind gleich beim richtigen Namen. Da starb die Alte, und der Hof fiel ihm endgültig zu.

Von diesem Zeitpunkt ab war Frank wie ausgewechselt. Sein viel umneidetes Heim verlor für ihn den Reiz; im Wirtshaus bei Würfelspiel und wüsten Gelagen war ihm wohler. Spät in der Nacht kehrte er dann angetrunken nach Hause zurück, schalt sein Weib und hob endlich die Hand gegen sie auf. Am Tage schlief er seinen Rausch aus, war froh, einen rechtschaffenen, gottesfürchtigen Knecht zu besitzen und ging damit beruhigt wieder ins Wirtshaus. Mit einem grausamen Ruck fühlte Marianne die Binde von ihren Augen weggezogen, und ein freudenloses, unwürdige Leben rollte sich vor ihren entsetzten Blicken auf.

Gottfried arbeitete für zwei und war in der letzten Zeit noch stiller geworden. Zuweilen traf es sich, daß Marianne in der Blütenlaube vor dem Hauseingange stand, das neugeborene Kind auf dem Arme, während er auf dem Hofe schaffte. Da sah er ihr verhärmtes Gesicht, umrahmt von grünem Blattwerk sich zugewendet, und ihre Augen begegneten mit tieftraurigem Ausdruck den seinigen und führten eine stumme und doch so beredte Anklage gegen sich selbst. Gottfried aber konnte den Blick dieser umflorten Augen nicht aushalten. Schwerfällig wandte er sich ab und faßte mit unsichern Händen von neuem nach seiner Arbeit. Denn das Schicksal des Weibes, das er mit voller Inbrunst seines einfachen, vortrefflichen Gemütes geliebt hatte, ging ihm zu Herzen und bereitete ihm Schmerz.

Da brausten wie auf Sturmesflügeln die flammenden Proteste einzelner Patrioten, die die schmachvolle Haltung ihres Vaterlandes nicht mehr mit anzusehen vermochten, über die sächsischen Fluren. Von den Hauptstädten ausgehend, sprang der Brand auf das platte Land über, und zuletzt glich das Königreich einem einzigen Flammenmeer. Das bängliche Ausharren in der von den Verbündeten schon längst übelgedeuteten Stellung zu den Franzosen und die ergebene Haltung vor dem Kaiser, ein Gemisch von Bewunderung, Furcht und dumpfem Dahinleben, verschwanden mit einem Schlage. Jäh kam die Erkenntnis und ließ das Unwürdige der in den letzten Monaten bewahrten Gleichgültigkeit mit Scham bemerken. Wer konnte müßig bleiben, wenn alles in den heiligen Kampf zog? Und war es nicht unsinnig, daß von der Beteiligung an der Niederwerfung desjenigen, der seit acht Jahren Entsetzen und Not über die Länder deutscher Zunge heraufbeschworen hatte, gerade das Volk zurückbleiben wollte, dessen Land der Kriegswütige zum Tummelplatz seiner Heere und zur Schlachtenbühne Europas ausersehen hatte?

Gottfried war einer der Ersten, die sich Konrad Hartmann anschlossen, dessen Worte ihn begeistert hatten. Als er aber von seinem Vorhaben dem Bauern Frank erzählte, wurde dieser zornig und schalt auf die Sache, insbesondere auf die Männer, die ihr vorstanden. Es kam ihm recht wenig gelegen, seinen zuverlässigen Knecht zu verlieren; andererseits bot ihm dieser Vorfall aber willkommene Gelegenheit, seiner alten Abneigung gegen den Freihofer in gehässigster Weise Ausdruck zu geben.

Max hatte von jeher mit seiner Meinung über die schlechte Wirtschaft auf dem Oberhofe nicht zurückgehalten und auch dann, als Berthold Frank Lindengutbauer geworden war, gab er seine kühle Haltung gegen ihn nicht auf. Und gerade dies letztere hatte den eingebildeten Frank ungemein verdrossen und eine feindselige Haltung gegen Max annehmen lassen. Zwar hatte er es nie gewagt, gegen den angesehenen und reichen Besitzer des Freihofes etwas zu unternehmen. Jetzt aber reifte in seiner Seele ein teuflischer Entschluß. Wenn er mit seiner Ausführung vielleicht auch manchen andern hart traf, – was tats? Wen er nur ihn, den Gehaßten damit vernichten konnte.

Franks Stellung zu dem Plane der kühnen Männer entsprach ganz seinem Charakter. Mit höhnischen Worten erklärte er die Idee für unsinnig und bezeichnete die Männer, die an der Spitze standen, als Tollhäusler und Verbrecher. Öfters als sonst saß Frank in diesen Tagen bis zum Morgen in der Schenke und bekämpfte mit schreiender Stimme und wilden Bewegungen den geplanten Auszug. Dazwischenhinein versicherte er mit geheimnisvollem Lachen immer wieder von neuem, er glaube garnicht daran, daß es noch soweit kommen werde und schlug zur Bekräftigung seiner Worte mit der derben Faust auf den Tisch, daß dieser dröhnte und die Gläser tanzten.