Der andere Bewerber, der sich zusammen mit Berthold Frank in den Besitz von Mariannens flatterndem Herzchen teilte, war Gottfried, der Knecht auf dem Lindengute.
Stolz war das Mädchen nicht! Es war ihm gleichgültig, ob sein künftiger Gatte auf einem großen Hof aufgewachsen war, oder ob er aus einem armen Häuschen kam. Denn wenn sich Marianne auch durch ein glänzendes Äußere leicht blenden ließ, so hätte sie ihrer inneren Stimme entgegen doch niemals, um seiner äußeren Vorzüge willen, einem ungeliebten Mann die Hand reichen können. Deshalb hatte sie die stummen und bescheidenen Werbungen Gottfrieds auch nicht zurückgewiesen, sondern ihn eher noch dazu ermutigt.
Gottfried war wohl fast in allen Eigenschaften das gerade Gegenteil von dem Jüngsten vom Oberhof. Er war ein stiller, in sich gekehrter Mensch und von einer Arbeitskraft, für die der Lindenhof fast zu klein war.
Vor nahezu dreißig Jahren war eine junge Magd auf dem Lindengut gewesen, mit strotzenden Wangen und lachenden Schelmenaugen. Sie besaß einen allzeit fröhlichen Sinn, und ihr blühender Leib war gerade gewachsen wie eine Gerte. Sie war laut gewesen bei der Arbeit, wo sie weilte, hörte man den kunstlosen Sang ihrer glockenreinen Stimme, und weit mehr als nötig war, tönte von dem frischen Munde jauchzendes Lachen. Da wurde mit einem Male, schier über Nacht, das Mädchen still. Zuletzt war sie scheu geworden und hielt die Augen niedergeschlagen. Ihr fröhlicher Sinn war von ihr gewichen, und das erquickende Lachen war verstummt. Immer schwerer wurde ihre Seele bedrückt, bis sich endlich ihr Gemüt umdüsterte und sie, fast selbst noch ein Kind, in der Andreasnacht unter Verzweiflungsqualen und den doch so beseligenden Ahnungen von Mutterglück einem rosigen Knaben das Leben gab.
Und als von ihrer schweren Stunde an gerechnet drei Tage verflossen waren, trug man die junge Mutter hinaus und bettete ihren blühenden Leib, der nun all seine Wärme verloren hatte, zwischen die Schollen des Friedhofs. Ein winziges Häufchen Sand zeigte die Stelle an, wo man ein in der Blüte geknicktes Leben voll sprudelnder Fröhlichkeit, voll Singsang und Lachen dem Erdenschoße still wieder zurückgegeben hatte.
Den verlassenen Knaben aber legte der Bauer Honigmann seiner Frau wortlos in den Schoß, die für ihn redlich sorgte, auf daß die Seele des Kindes die mit in die Grube gebettete Liebe der Mutter nicht allzu schmerzlich vermisse. Einen einzigen Kuß hatte die junge Mutter ihrem Kinde auf die Stirn gedrückt, dann war sie in den Gottesfrieden hinüber geschlummert. Der Knabe aber hatte bei der Taufe den Namen Gottfried erhalten.
Gottfried hatte schon frühzeitig damit begonnen, seinen Wohltätern das zu vergelten, was sie an ihm getan. Aufgewachsen in der wahren Frömmigkeit der Bäuerin, hatte der Knabe unter den unübertrefflichen Anleitung Honigmanns die Arbeiten auf dem Hofe gelernt. Schon mit vierzehn Jahren schaffte er so viel wie ein Knecht und als er die Zwanzig erreicht hatte, bot sich für ihn auf dem Lindengute fast nicht mehr genug Gelegenheit zur Betätigung seines Eifers. Der alte Mann aber, dem die Arbeit selbst noch Lebenbedürfnis war, wurde zuweilen ärgerlich, wenn er sah, wie der junge Knecht ihm die Arbeit aus den Händen riß. Dabei war Gottfried wortkarg, und seine Bewegungen waren eckig und unbeholfen.
Mit den Altersgenossen pflegte er nicht viel Umgang, da er ein wenig unterhaltsamer Geselle war. Den Keim hierzu hatte er bereits mit in die Welt gebracht, denn die schweren Gewissensqualen der Mutter waren nicht ohne Einfluß auf die Frucht in ihrem Schoße geblieben.
Marianne fühlte sich zu Gottfried hingezogen. Zwar gestand sich das Kind, daß der Knecht nicht das Abbild eines herrlichen Jünglings sei, wie es ihr in ihren Mädchenträumen immer erschienen war; aber einem unbewußten Drange folgend mußte sie zugeben, daß ein gutes und treues Herz in seiner Brust schlüge, und sie an seiner Seite recht wohl glücklich werden könne. Ein Leben ohne Jubel und Tanz, aber treu behütet und die Brust angefüllt mit Frieden und sonnigem Glanz.
So dachte Marianne in den Stunden stiller Einkehr. Waren diese aber vergangen, dann zog ihr leichtfüßiger, junger Sinn sie zu den lustigen Burschen. Und wenn sie dann einen Vergleich anstellte zwischen dem ernsten Gottfried mit den plumpen Bewegungen und den unschönen Zügen und dem in männlicher Kraft und Schönheit strahlenden Berthold Frank, dem die bunte Halsschleife mit den flatternden Bändern so gut zu Gesicht stand und der jederzeit so unterhaltsam plauderte, dann vergaß das Mädchen alles, was sie an dem einfachen Knecht schätzte. Und sie war blind und sah nicht die schweren Fehler des anderen.