Da machte sie in ihrem Herzchen kurz entschlossen einen dicken Strich durch seinen Namen.
Jeder empfindsame Leser, den diese Zeilen erreichen, wird das Resultat betrüblich finden und sich einer wehmütigen Regung nicht verschließen können. So viel wahrhafte Kunst an ein Trugbild verschwendet – – –
Armer Emil!
Marianne hatte lange geschwankt, welchen der Anbeter sie endlich erhören würde. Denn wenn auch die meisten von ihnen ihr gleichgültig blieben, so waren es doch immerhin einige der Burschen, die dem Mädchen recht gut gefielen. Gewissenhaft durchlief sie in ihrer stillen Kammer im Geiste die noch gebliebene, stattliche Anzahl der Bewerber, merzte von neuem aus, bis denn schließlich zwei übrig blieben, von denen sie einen zu erhören beschloß.
Der erste von diesen war Berthold Frank, der jüngste Sohn vom Oberhofbauern. Er war ein hübscher Bursche mit hellblauen Augen und schwarzem Schnurrbart, dessen Spitzen am Sonntag sorgfältig gedreht waren. Er war nicht allzuhoch gewachsen, aber sein Körper war gedrungen und seine Bewegungen verrieten große Kraft. Mit seinem hübschen Äußern verband sich ein Auftreten, das allen Mädchen wohlgefiel, denn er war geweckt und verstand es, verbindliche Reden zu führen; darin glich ihm kein zweiter der Burschen. Und doch konnte Frank sich vieler Eroberungen eigentlich nicht recht rühmen, weil man wußte, daß er streitsüchtig war und sich zuweilen betrank.
Daheim auf dem Obergut herrschte polnische Wirtschaft. Die Mutter war in der Stadt aufgewachsen und hatte nie verstehen gelernt, worauf es in ihrer Stellung ankam. Den Besitz zusammenhalten und mehren konnte sie nicht. In einer großen Anzahl von feinen Kanälen floß der saure Gewinn vom Hofe wieder fort und sickerte ihr geradezu durch die Finger. Für die sparsame Verwendung der Nahrungsmittel und die weise Einschränkung der Bedürfnisse des Haushalts hatte sie kein Verständnis. Täglich wurde weit mehr gekocht als gegessen wurde; was übrig blieb, bekam das Vieh. Das Essen war ohne Sorgfalt zubereitet und befriedigte nicht. Dann schlich das Gesinde in die offene Vorratskammer und in den Milchkeller und tat sich dort gütlich. Der Bauer trank und wenn er in später Nacht nach Hause kam, prügelte er sein Weib. Stand der Wagen des Kornhändlers auf dem Hofe, so war er nicht beim Aufladen der Säcke zugegen, sondern saß wetternd im Gasthof, oder schlief oben in der Kammer seinen Rausch aus. Und so kam es, daß manches aus dem Gut hinausging von dem er nichts wußte.
In dieser Umgebung wuchsen die drei Jungen auf. Von Anfang an war niemand da, der sie zur regelmäßigen Arbeit angehalten hätte, und als sie sehend wurden und das Leben einzuschätzen vermochten, wollten sie nicht begreifen, warum gerade nur sie allein die Last des Tages tragen sollten. Dazu hatte die Mutter die Kinder von früh auf verwöhnt, indem sie alle ihre Wünsche erfüllte und ihnen vorredete, sie könnten das so haben, dafür seien sie die Söhne des reichen Oberhofbauern.
Und so war es aus all diesen Gründen nicht verwunderlich, daß das Gerücht immer mehr Wahrscheinlichkeit gewann, auf dem Oberhof stehe es schlecht, und der Bauer sei bis über die Ohren verschuldet. Berthold kannte ganz genau die Schwierigkeiten, die es dem Vater bereitete, wenn er an jedem Quartalsersten die fälligen Hypothekenzinsen, aufbringen mußte, und er sah voraus, daß ihm einst als Erbe nicht mehr zufallen würde, als ein paar vertrocknete Dachschindeln. Und da er wohl die Kraft, nicht aber den Willen besaß mit fester Faust in das Wespennest hineinzugreifen und er das einzige Mittel, das den Oberhof noch retten konnte, die Arbeit, verschmähte, so beschloß er, sich anderswo ein behagliches Nest zu suchen. Warum sollte er sich schinden? Tat es der Vater, oder machten es etwa seine Brüder? Und gesetzt den Fall, es wäre ihm gelungen – aber nur ihm, denn die beiden Brüder waren Dummköpfe – den Oberhof vor dem Ruin zu retten, was hatte er davon? Er konnte doch nicht als Miteigentümer auf dem Hofe sitzen, der dem ältesten Bruder Christian zufallen würde.
Also steckte er die Hände in die Hosentaschen, pfiff eine Melodie von der letzten Tanzmusik her und ging mitten am Nachmittag zum vordern Hoftor hinaus, um zu versuchen ob es ihm gelingen würde, bei der Erbin des Lindengutes einige von seinen stets vorrätigen Schmeichelreden anzubringen.
Und man konnte es nicht anders sagen, Berthold Frank war ein hübscher Bursche mit gefälligen Manieren, der zuletzt wegen seiner Aussichten auf den Besitz des Lindengutes manchen grimmen Neider besaß.