Ferner gab es vereinzelte, die schworen, daß es ihnen beileibe nicht auf den Hof ankäme, sie, Marianne, wäre ihnen wie sie gehe und stehe gerade recht. Sie wollten den Hof überhaupt nicht haben, meinten sie, nur das Mädchen. Nun ging es jedoch nicht gut an, daß Marianne diesen Verächtern irdischer Habe zuliebe auf den schmucken Besitz ihres Großvaters Honigmann verzichtete. Lieber verschloß sie sich deshalb diesen Werbungen.

Die also Geschilderten waren die Gefährlichen unter den Anbetern. Glücklicherweise aber waren sie in der Minderzahl.

Ungleich harmloser gestaltete sich das Gespräch mit einem der schüchternen Verehrer. Diese sprachen fast alle sehr wenig, ja bei manchem beschränkte sich die Rede auf einen schüchternen Gruß. Dafür war aber infolge der zurückgetretenen Töne das Herz zum bersten voll, und die Augen mußten in diesem Falle den Dienst der widerspenstigen Zunge übernehmen.

Einer erzählte von daheim; wieviel jede der Kühe Milch gäbe, daß die Schweinezucht in den letzten Jahren immer profitabler geworden sei, wie auf dem Hofe des Vaters musterhafte Ordnung herrsche und er selbst in allen Tugenden eines männlichen Wesens im allgemeinen und eines Bauern im besondern von früh ab unterwiesen sei. Ein anderer sprach davon, was er tun würde, wenn er auf einer eigenen Scholle säße. Zuhause könne er seine Pläne nicht zur Tat machen, denn sie seien bekanntlich vier Söhne und unter vieren gäbe es täglich Katzbalgereien. Mit einer Frau nur allein auf einem Hofe sitzen, müsse herrlich sein. Da herrsche doch immer Frieden und Eintracht – – –

Der Letzte endlich redete keinerlei Anzüglichkeiten. Dafür machte er soviel Spaß, daß die Maid zuweilen vor Heiterkeit bis zu Tränen gerührt war. Er hoffte, auf der luftigen Brücke, die der Humor über Hindernisse errichtet, den gefährlichen Abgrund bis zu Mariannens Herz zu überschreiten, ohne hineinzufallen. Dieser gewiegte Diplomat hieß Emil und war der Sohn eines kleinen Bauern.

Er war flink wie ein Wiesel und gelenkig wie eine Katze. Dabei lag ihm sehr daran, von der kleinen Klitsche daheim sobald als möglich wegzukommen. Lange Jahre war er das einzige Kind gewesen. Da starb die Mutter. Sein Vater heiratete kurz darauf ein blutarmes, junges Ding, das seinem Gatten die Mitgift nach und nach in Gestalt kugelrunder, pauspackiger Kindlein einbrachte. Von diesem Augenblick an war daheim nichts mehr zu hoffen. Die kleinen Geschwister taten vorderhand noch nichts besseres, als daß sie mit beängstigend gutem Appetit aßen. Wenn die Familie bei Tische saß, mußte Emil jeden dieser ewig hungrigen Esser unwillkürlich mit einer Raupe mit sieben Köpfen vergleichen, die sich eben daran macht, eine Kohlstaude kahlzufressen. Und mit Grausen sagte er sich, daß das bescheidene Besitztum seines Vaters diese unersättlichen Schlünde niemals werde stopfen können. Und er berechnete nüchternen Verstandes, daß der dürre Hof gerade dann aufgezehrt sein würde, wenn das letzte der jetzt noch im Nichts schlummernden Geschwister flügge war. Da ging er hin und stellte seine angeborene Kunstfertigkeit in den Dienst des Werbens um wohlversorgte Hoftöchter.

Wen die Burschen und Mädchen an den warmen Sommerabenden im Mondenschein, fein säuberlich in zwei getrennte Lager geschieden, auf dem Anger saßen, Scherzreden und Neckereien hinüber und herüberflogen und alle Spaßmacher endlich ihren Witz ausgegeben hatten, dann stand Emil auf. Zwar sprach er seiner anstoßenden Zunge wegen herzlich wenig, aber das Lachen der Zuschauer erklang nach seinen Leistungen bald wieder von neuem.

Nun waren seine Hanswurstspäße freilich nicht mehr neu und hatten schon manch liebes Mal Stoff zu harmloser Heiterkeit gegeben; aber das Völkchen war ja so bescheiden in seinen Ansprüchen an Unterhaltung und wollte um jeden Preis fröhlich sein.

Zuerst schlug er also das Rad mit solcher Behendigkeit und Ausdauer, daß er die Anerkennung herausforderte. Dann ging er zu wunderlichen Gliederverrenkungen über, die die Lachlust empfindlich reizten. Selbst der Ernsthafteste aber konnte sich der Heiterkeit nicht mehr enthalten, wenn Emil wie ein Känguruh in possierlichen Sprüngen umherhüpfte. Dazwischenhinein überschlug er sich mehrere Male als Zugabe oder lief minutenlang und mit größerer Sicherheit auf den Händen, als manchem der Zuschauer auf den Beinen möglich war. Alles dies tat er stumm. Die karge Belohnung, die er sich in den kurzen Ruhepausen gönnte, bestand einzig und allein darin, daß er mit dem Ärmel den Schweiß von der tropfenden Stirn wischte. Zum Schluß stellte sich Emil auf den Kopf und verharrte in dieser Haltung unbeweglich wie ein Pfahl solange, bis die Zuschauer erklärten, diese Vorführung sei langweilig, und einer der Burschen ihn umwarf. Dann setzte er sich stillschweigend in den Hintergrund und beobachtete forschend die vom Mondenschein erhellten Gesichter der Mädchen auf die Wirkung seiner Vorführungen hin. Mit besonderer Sorgfalt studierte er die Züge der rehaugigen Enkelin des alten Honigmanns.

Marianne aber dachte: ach, was soll Dir ein Mann, der unausgesetzt durch die Luft wirbelt, und wenn er einmal auf die Erde kommt, steht er verkehrt.