18. Kapitel.

Eines der am weitesten auf der Höhe gelegenen Güter Rehefelds war das des Bauern Frank. Es war ein mittelgroßes Anwesen mit reichlichem Viehstand und alten, aber noch recht gut erhaltenen Gebäuden. Ein früherer Besitzer hatte sich inmitten der beiden Ställe und gegenüber der großen Scheune ein niedliches Wohnhaus herrichten lassen, das dem ganzen Besitz ein ungemein freundliches Ansehen verlieh.

Es war nicht streng nach der Bauweise der alten sächsischen Bauernhäuser gebaut worden, war aber mit guter Raumverteilung eingerichtet und bestand aus dem etwas erhöhten Unterbau und einem freundlichen, hellen Oberstock, den ein weitüberragendes, dickes Strohdach schirmte. Vor der Haustür befand sich eine kleine Terrasse, die von einem von zwei Säulen getragenen Lattenrost überdacht wurde, und von der hüben und drüben einige Stufen hinabführten. Um die hölzernen Säulen wanden sich dicke, schwärzliche Ranken Jelänger-jelieber und Heckenkirsche, deren grüne Zweige über das ganze Dach ausbreitet und zu einem unentwirrbaren Durcheinander verwachsen waren und die so tief herabhingen, daß der Raum zwischen den Säulen von Blättern und Blüten beinah ausgefüllt wurde. Im Sommer glich die Terrasse einer dichten Laube, die selbst im heißesten Sonnenbrand Schatten und erquickende Kühle spendete.

Das Haus war sorgfältig mit Kalk verputzt und wurde öfters getüncht. Dann hoben sich die schwarzangestrichenen, recht- und spitzwinklig zueinander stehenden Balken von den blendendweißen Flächen scharf ab, und wenn man sich zu diesem freundlichen Hintergrund die grüne, über und über blühende Laube vor der Mitte des Hauses hinzudenkt, so erhält man eine Vorstellung von dem in Bauart und lebendiger Farbenzusammenstellung gleich harmonischen Bild, welches dieses Haus bot, das den die Straße ziehenden Fuhrleuten immer wieder von neuem gefiel und das von der sanften Anhöhe herab den das Dorf berührenden Wandersmann freundlich grüßte.

Noch vor wenigen Jahren hatte dieses Gut ein altes Ehepaar besessen, dem das Schicksal von seinen Kindern nur eine Enkeltochter gelassen hatte. Der Bauer Honigmann war in den Siebzigern, gesund und kräftig, als er eines Morgens, das erste Mal in seinem Leben, die Neigung verspürte, im Bett liegen zu bleiben. Tags darauf war er tot. Niemand hatte ihn jemals krank gesehen, und auch der Arzt wußte nicht zu sagen, an welcher Krankheit er gestorben war. Die Leute aber meinten, Honigmann sei eigentlich garnicht gestorben, sondern hätte nur aufgehört zu leben.

Die Fürsorge für die hübsche Marianne fiel nun der schon lebensmüden Bäuerin allein zu. Marianne hatte kurz vorher ihren neunzehnten Geburtstag gefeiert. Sie war ein braunäugiges, dunkellockiges Geschöpf und schlank und biegsam wie die schönste Tanne aus den Musterforsten des Freiherrn von Tiefenbach. Immer ruhig, freundlich und gewinnenden Gemüts, zuweilen wohl auch ein wenig übermütig, hatte jedermann im Dorfe das Mädchen gern, und viele der Bauernburschen wären glücklich gewesen, Mariannens Hand und Herz zu besitzen, vorzugsweise die Hand. Denn außer einem hübschen und guten Weibe mußte dem Erwählten ja auch der saubere und unverschuldete Hof zufallen.

Aus diesem Grunde drängte sich täglich eine große Anzahl Heiratslustiger an das Mädchen heran, die alle heiß bemüht waren, sich gegenseitig den Rang abzulaufen. Und so wurde denn der für Gemüt und Verstand in gleicher Weise begehrliche Preis von einer Wolke von Anbetern unaufhörlich umlagert, die selbst aus den Nachbardörfern sich einstellten, wie etwa ein Sirupstopf von einer großen Anzahl von Fliegen umschwärmt wird.

Marianne aber war ein kluges Mädchen. Sie war zu dem einen nicht freundlicher wie zu dem andern und verdarb es deshalb mit keinem. Meinte einmal einer der jugendlichen Heißsporne, daß er den richtigen Pfad gefunden habe in dem Labyrinth der Gänge, die zu ihrem Herzen führten, so mußte er am nächsten Tage die sehr betrübliche Erfahrung machen, daß Marianne genau dieselbe Freundlichkeit, über die er gestern hochbeglückt war, heute einem andern erwies. Mancher der jungen Männer wollte schier verzweifeln, wenn er das Heer seiner Nebenbuhler überdachte, und manche festgefugte, auf Leben und Tod geschlossene Freundschaft ging in diesen Tagen aus dem Leim.

Gleichzeitig empfand aber wieder jeder der Beharrlichen als kühlenden Balsam auf die Wunde im Herzen die Ueberzeugung, daß augenblicklich keiner von den Vielen dem allgemein zugestrebten Ziele näher stand als er selbst, um freilich in der nächsten Stunde bei dem Gedanken zu erbleichen, Marianne könne mittlerweile die Werbungen eines im stillen Bevorzugten erhört haben.

So ganz spurlos aber, wie es schien, ging der tägliche Sturm auf Mariannens Herz doch nicht an ihr vorüber. Mit großem Interesse beobachtete das Mädchen die sich ihr nähernden jungen Männer, die es auf mancherlei Weise versuchten, die begehrenswerte Braut heimzuführen. Die einen marschierten geradenwegs auf ihr Ziel zu. Sie sprachen, wie es in solchen Fällen wohl allgemein üblich, von unverbrüchlicher Liebe und Treue; dieser tat es stammelnd, jener mit anerkennenswertem Zungenschlag. Ja der Schulzensohn ging sogar soweit, daß er die, noch vom Geständnis seiner Liebe her auf dem Herzen ruhende Hand – also der während einer Liebesbeteuerung allerorts als allein richtig anerkannten Haltung –, daß er die beteuernde Hand aufhob, die Schwurfinger ausstreckte und mit rollenden Augen versicherte, im Falle der Nichterhörung von der Stelle aus in den Dorfteich zu gehen. Nun, Erhörung fand er zwar nicht, ob er aber, wie bestimmt zugesagt, weiter als bis zum Rand des Teichs gegangen war, entzog sich jedermanns Kenntnis. Als unbestreitbare Tatsache mußte es jedenfalls gelten, daß er Leipzig mitmachte und kurz nach der Rückkehr aus Frankreich eine ältliche aber wohlbegüterte Witwe in Göhren heiratete.