Die Zeit bis dahin brachte man damit zu, sich im kriegerischen Handwerk zu üben. Ein Gewehr schweren Kalibers war für jeden vorhanden. Denjenigen, die selbst keines besaßen, wurde von mehreren Seiten zugleich ein solches angeboten, wie überhaupt die Gebefreudigkeit, namentlich bei denen die daheim blieben, mit der Begeisterung zusammen erwacht war. Auch Geld und Wertgegenstände wurden den Freiwilligen ausgehändigt, um sie ihrem zukünftigen Regimente zu überbringen. Wie drüben über der Grenze, waren auch hier die Zurückbleibenden bemüht, die große Sache, wenn nicht mit Blut, so doch mit Gut zu unterstützen.

Auch ein paar Seitengewehre und Säbel, deren Existenz bisher außer den Eigentümern ein anderer kaum geahnt hatte, tauchten auf und wurden auf dem Wetzstein scharf geschliffen.

Diejenigen, die schon früher einmal die Waffe getragen hatten, erklärten die Handgriffe, und der Schmied, der in dem Bataillon aus dem Winckel bei Jena mitgefochten hatte, stellte die Streiter in Reih und Glied, ließ sie marschieren und einschwenken und die Gewehre laden und Salven abgeben. Max, als der Größte, marschierte natürlich voran, während Konrad, wie es ihm zukam, als linker Flügelmann exerzierte. Alles erfolgte so, wie es in wenigen Tagen in Wirklichkeit geschehen sollte. Und wenn auch der oder jener, wie bei einer Anzahl von der Arbeit weggerufenen Bauern unausbleiblich, noch reichlich ungeschickt war, so glich er diesen Mangel durch Eifer und guten Willen wieder aus.

Sobald aber die künftigen Verteidiger des Vaterlandes endlich ermüdet wieder ins Dorf zogen, dann trat flugs eine andere Schar zusammen und übte genau so, wie sie es vorher stundenlang beobachtet hatte. Leider besaßen diese keine Gewehre, aber sie waren genügsam und verfügten über hinreichend genug Phantasie, um eine eigens zu diesem Zwecke ausgesuchte, besonders schön gewachsene Haselrute oder schließlich auch einen invaliden Rutenbesen als wahrhaftes Schießgewehr anzusehen. Das war die liebe Jugend von Rehefeld.

Der Schullehrer hatte, um seine sonst außer allem Zweifel stehende Autorität zu retten, in diesen Tagen darauf verzichtet, seine Lämmer täglich um sich zu versammeln. Und so hatten diese denn vollauf Muße, ihren sich im Schweiße des Angesichts abmühenden Vätern und Brüdern aufmerksam zuzuschauen. Waren diese aber endlich abgetreten, so liefen flink die bisherigen Zuschauer zusammen, und dieselbe Kleestoppel, deren Boden soeben noch unter dem schweren Bauernstiefel gedröhnt hatte, stampften jetzt die Tritte der barfüßigen Jungen.

Der Platz des Freihofbauern auf dem rechten Flügel des Gliedes galt als besonders erstrebenswert und wurde sehr begehrt, und um das Amt des die Schar kommandierenden Schmieds fanden wahre Schlachten statt. Keine künstlichen, wie sie das Exerzieren mit sich brachte, sondern Schlachten ohne alle strategischen Vorbereitungen, aber mit anerkennenswerter Erbitterung. So plagte und prügelte man sich abwechselnd in heiliger Begeisterung, bis die Sonne sank und alle endlich den von herbstlichen Abendnebeln umflossenen Häusern zustrebten.

Dann betrat der seine Sache mit vollem Ernst auffassende, junge Krieger mit erhitzten Wangen und zerzaustem Schopfe die niedrige Stube und sah geringschätzig auf die Schwester, die gerade ihrer Puppe das Nachtlager herrichtete. Kurz vor dem Schlafengehen und als er schon bis auf das Hemd entkleidet war, gedachte einer von ihnen aber noch einmal seiner kriegerischen Pflichten, indem er der Mutter zeigte, wie der Bauer vom Freihof den Ausfall mache. Dabei warf er das Körpergewicht wuchtig auf den vorgestellten linken Fuß und vollführte mit beiden Armen einen fürchterlichen Stoß, der auch ohne die eigentlich dazu notwendige Flinte ganz gegen Erwarten über alle Maßen gut ausfiel, daß der von der Wucht des Stoßes getroffene kleinere Bruder, der in seine Butterbemme vergnüglich hineinbeißend dem älteren arglos und voll Bewunderung zugeschaut hatte, heulend gegen die Wand flog.

Eine Viertelstunde später lagen die beiden rosigen Kleinen in tiefem Schlafe, und die Mutter beugte sich schweigend darüber, und ein Himmel von Freude und Glückseligkeit brach aus ihren Augen.

Genau eine Woche darauf aber begannen die mörderischen Tage von Leipzig, und als am Abend des letzten Tages der Mond wieder heraufzog, genau so wie heute, da düngte der Gatte dieser Mutter und Vater dieser Kinder den heimatlichen Boden mit seinem Herzblut. Sein glühender Durst nach Freiheit war gestillt worden.

Schlaft süß, Ihr unschuldigen, vaterlosen Kleinen! Lächle wieder du junges, verlassenes Weib! Einer von den leuchtenden Sternen droben, die mild auf dich herabschauen, ist der Deinige!