Nun lag der angeschossene Löwe knurrend in Dresden und hieb mit seiner Tatze wütend nach den ihm keine Ruhe gönnenden Feinden. Jeder Schlag dieser fürchterlichen Pranke saß zwar, aber es waren keine eigentlichen Siege, wenigstens keine solchen, wie man sie von einem Schlachtengewinner von seinem Range erwartete. Denn das staunende Europa war anspruchsvoll geworden und gab seinen Leistungen strenge Zensuren. Und bei alledem wuchs des Kaisers Verlegenheit in der sächsischen Königsstadt sichtlich.
So stand es im Anfang des Monats Oktober, gerade in den Tagen, in denen Max und Konrad ihre Tätigkeit entfalteten.
Die Stimmung in den meisten Städten Sachsens wurde zu dieser Zeit derart franzosenfeindlich, daß es gefährlich war, sich noch offen für die Bedrücker zu bekennen. Aber der schwerfällige Sinn des sächsischen Bauern war nicht dazu geschaffen, seine Bedenken gegen einen Aufstand wider die Franzosen binnen wenigen Tagen aufzugeben, obwohl nicht nur zahlreiche eigene Landsleute dafür Stimmung machten, sondern auch die im Lande stehenden preußischen und russischen Truppen unaufhörlich dazu anfeuerten. Der Bauer wollte erst Garantien dafür haben, daß Napoleon nicht mehr mächtig genug war, eine Erhebung des Volkes mit drakonischer Strenge zu vergelten. Denn die Leiden der letzten Jahre waren gerade für dieses unglückliche Land über alle Maßen schwer gewesen und hatten die frohe Hoffnung auf ein endliches Zerschmettern der Kraft dieses Riesen in der Brust der Menschen bis auf ein winziges Fünkchen ersterben lassen.
Dies war die Stimmung, die die bäuerliche Bevölkerung Sachsens erfüllte, als sie endlich einsah, daß das Staatsschiff mit vollen Segeln auf die Brandung zusteuerte und mit Mann und Maus unterzugehen drohte.
Allmählich machte sich denn auch der Umschwung der Gesinnung auf dem platten Lande geltend und nicht zuletzt unter den Einwohnern Rehefelds. Die Landbevölkerung begann von neuem zu hoffen und vergaß die bisher gewahrte, ängstliche Vorsicht. Die Bedenken für den Verlust von Haus und Hof traten immer mehr in den Hintergrund, und Begeisterung zog in die Gemüter ein. Der Drang nach Freiheit wuchs ins Riesengroße und erfüllte zuletzt Aller Herzen.
Wenn es in diesen Tagen trotzdem nicht zu einer allgemeinen Erhebung in Sachsen kam, so war nicht die mit Eifer beschwichtigende Regierung schuld, als vielmehr der Umstand, daß große Teile des Landes sich noch in den Händen der Franzosen befanden, daß ferner eine erhebliche Anzahl ungeduldiger sächsischer Männer in die immer weiter nach der Elbe zu vordringenden preußischen Regimenter als Freiwillige eintrat und endlich, daß die, die fremde Zwingherrschaft niederwerfende Schlacht auf den Fluren bei Leipzig unerwartet schnell hereinbrach.
Wie ein großes Ereignis wirkte die Aufgabe Dresdens, das der Kaiser hatte stark verschanzen und sonst auch für seinen Winteraufenthalt hatte herrichten lassen. Eine weit über Deutschland hinaus sichtbare, leuchtende Flammenschrift erschien an dem tiefschwarzen Firmament und verkündete, daß sich jetzt das Ende vorbereite.
***
In Rehefeld herrschte in diesen Tagen unbestritten Maxens Geist. Er wußte alle Bedenken zu beschwichtigen und entfachte ein solches Feuer der Begeisterung in aller Brust, daß die Männer ruhelos zum Ausmarsch drängten, und die Frauen diesen Entschluß nicht nur durch Worte, sondern auch in tiefster Seele guthießen.
Noch eine Woche wollte man warten, bis sich die französischen Armeen bei Leipzig gesammelt haben würden, und der jetzt von ihnen versperrte Weg zu den Verbündeten freigeworden war. Denn die Franzosen waren sehr mißtrauisch geworden, und niemand durfte bei Vermeidung von Festnahme in diesen Tagen ohne einen Reisepaß mehrere Meilen über Land gehen.