»Wir rechnen noch miteinander ab – –!«
Mehr konnte er nicht sprechen, denn eine unbeschreibliche Wut schnürte ihm die Kehle zu. Er wandte sich kurz ab und ging stumm weiter.
Frank war betroffen. Der plötzliche Wutausbruch Lehnhardts und der unverfälschte Naturlaut des wildesten Hasses in dessen Stimme, hielt seine Zunge noch im Bann. Dann aber blitzte es in dem fahlen, aufgedunsenen Gesicht auf, und ein breites Lachen scholl dem Davongehenden nach.
»Laßt den feinen Burschen nur mir, Lehnhardt,« klang es zwischendurch, »ich habe einen kostbaren Spaß für ihn ausgedacht. Hahaha!«
***
Es war ein trüber Tag gewesen. Gegen Abend fiel starker Regen, und der Wind jagte heulend über die Felder. In den Häusern wurden die Fenster verwahrt, die der immer mehr anwachsende Sturm scharf berannte, und in den Ställen, wo das Vieh unruhig wurde, schloß man sorgfältig die Türen. In gewaltigen Stößen wütete der Sturm gegen die Häuser, riß große Äste von den Bäumen und trieb den unaufhörlichen Regen vor sich her, daß die dicken Tropfen klatschend an die Fensterscheiben schlugen. Eine undurchdringliche Finsternis herrschte im Freien. Es war, als ob der Himmel von einer einzigen schwarzen Wolke bedeckt sei. Kein Stern, nicht einmal eine helle Stelle war am Himmel sichtbar. Die Elemente schienen ihrem Meister entschlüpft zu sein. Mit erbitterter Wut kämpften sie gegeneinander und gegen alles, was die menschliche Hand mühevoll errichtet oder die gütig schaffende Natur auf den Fluren erzeugt hatte.
Das Dorf schien wie ausgestorben. Niemand war jetzt noch im Freien, und selbst die vierbeinigen Hüter des Hauses waren schutzsuchend in ihre Hütten gekrochen und winselten leise, den Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten gelegt.
Auf der Dorfstraße schritt um die Mitternachtstunde vorsichtig ein Mann dahin. Wie ein Schatten hob sich die Gestalt zuweilen von den weißgetünchten Häusergiebeln ab, um sogleich wieder in die gähnende Finsternis hineinzutauchen. Wütend peitschte der strömende Regen des einsamen Wanderers Gesicht, und der Sturm eilte dem Naß als Bundesgenosse zu Hilfe und drang so heftig auf den Menschen ein, daß dieser von Zeit zu Zeit hinter einem dicken Baumstamm Schutz suchen mußte und es ihm nur mit großer Mühe gelang, vorwärts zu kommen. In den Häusern ruhten die Bewohner schon längst im tiefen Schlafe. Nur hie und da brannte noch eine Lampe, die einen schwachen Lichtschein durch das Fenster auf die Straße warf. Sobald der Gesell einen solchen Lichtkreis betrat, beschleunigte er die Schritte, bis die Dunkelheit ihn wieder aufnahm. Es schien, als ob der Unbekannte es scheu vermeide, daß ein menschliches Auge ihn auf seiner nächtlichen Wanderung entdecke.
Als er am äußersten Ende des Dorfes angelangt war, blieb er plötzlich vor dem Rabensteiner Hofe stehen. An einen Baum gelehnt, betrachtete er das einstöckige Haus, dessen Fenster dunkel waren und aus dem kein Laut herausdrang. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich der Tür neben dem großen Tor und versuchte, sie zu öffnen. Da schlug der wachsame Hofhund an, daß er schnell wieder die Hand vom Drücker nahm. Das bellende Tier war aus der Hütte gesprungen und zerrte wütend an der Kette. Aber seine mächtige Stimme klang nur schwach, sie wurde übertönt von dem Heulen und Brausen des Sturmwinds. Als wenn die wilden Geister der Luft ein tolles Bankett feierten, zu dem die Elemente eine schauerliche Musik aufspielten.
Da sprang der Mann über den Graben, in dem das Wasser wie in einem Flußbett dahinschoß und ging an der äußeren Seite des Hauses entlang. Aus dem oberen Fenster unter der Spitze der hinteren Giebelwand drang ein schwacher Lichtschimmer heraus. Emsig bückte sich der Einsame, las einige herabgefallene Zweige auf und versuchte, sie gegen das Fenster zu werfen. Aber der Sturm vereitelte diese Anstrengungen, indem er die leichten Wurfgeschosse, sobald sie die Hand des Schützen verlassen hatten, in eine andere Richtung fortriß. Als der Mann die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die Augen ratsuchend umherschweifen, bis sie endlich auf einem dicken Baum haften blieben, der wenige Schritte von ihm entfernt stand. In diesem Augenblick glänzten seine Augen vor Befriedigung. Entschlossen trat er an den Baum heran und kletterte mit großer Anstrengung den starken Stamm hinauf. Dann kroch er auf einem bis fast an das Haus reichenden Ast soweit vor, daß er mit der Hand das Fenster erreichen konnte. Kaum hatte er das Glas berührt, als Konrad Hartmann am Fenster erschien. Er öffnete den Flügel, beugte sich ein wenig vor und versuchte mit angestrengter Aufmerksamkeit, die Dunkelheit mit dem Augen zu durchdringen.