Niemand sprach darauf ein Wort, keiner der Männer fand eine Erwiderung. Sie alle hielten die Blicke niedergeschlagen und betrachteten die Ringe. Der eine davon hatte, wie es schien, noch sein ursprüngliches Gewicht und war groß, wie eben ein Ring sein muß, der an der Faust eines Bauernburschen sitzt. Der andere aber war dünn wie Blech, so hatte sich das Edelmetall an den Fingern der Greisin während der vielen Jahre abgewetzt.
Da unterbrach Max das Schweigen:
»Mutter Lehnhardt,« sagte er, »Ihr reißt einen kostbaren Schatz von Euerm Herzen, bedenkt es wohl, bevor Ihr Euch für immer davon trennt.«
Die Greisin machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand und erwiderte:
»Das Gold möge sich in Stahl verwandeln, mit dem unsere Jugend sich und ihren Kindern ein freies Vaterland schaffe. Mein Seliger wird mir’s im Traume zuflüstern, daß ich richtig gehandelt habe. Er war ja selbst ein Feuerkopf.«
»Nun denn,« antwortete Max, »zurückweisen darf ich Eure reiche Spende um der guten Sache willen nicht. Wir nehmen aus dem Dorfe manche Gabe mit uns; laßt es Euch aber versichert sein, Mutter Lehnhardt, daß wir die Eurige als die kostbarste schätzen.«
Die Alte nickte freundlich, sah sich im Kreise der Männer noch einmal um und trippelte dann mit einem »Behüt’ Euch Gott« wieder der Tür zu.
Friedrich, der zwanzigjährige, hochgewachsene und breitschultrige Sohn der Kirchengutbäuerin, der morgen früh mit ausmarschierte, saß der Tür am nächsten. Mit unbeholfener Eilfertigkeit sprang er hinzu und öffnete. Mutter Lehnhardt zögerte aber eine kleine Weile, als wenn ihr das Hinabsteigen der Stufen viel Mühe mache. Da bückte sich der große Junge, hob die Greisin wie eine Feder auf und ging mit ihr vorsichtig die Stufen hinab. Stirn an Stirn lagen die beiden Gesichter aneinander, das welke des langsam absterbenden Menschen neben dem blühenden des kraftstrotzenden Jünglings. Und zärtlich, wie eine Mutter ihr noch hilfloses Kind, streichelte während des Hinabschreitens die runzlige Hand der Greisin seine vollen Wangen.
Zu ebener Erde angelangt, setzte Friedrich seine leichte Last behutsam nieder, und weil er die Blicke der Männer von drinnen und der vor dem Gasthof Weilenden auf sich gerichtet fühlte, wurde er sehr verlegen, und eine dunkle Röte überzog ein hübsches Gesicht. Da stand nun der junge Riese mit dem glattgescheitelten Blondhaar und den zu kurzen Jackenärmeln des Sonntagsgewands, aus denen die starken Handgelenke und die derben Fäuste weit herausragten, nicht wissend, wohin er seine Augen richten sollte.
»Wie sein seliger Großvater, als er noch ein junges Blut war,« sagte Mutter Lehnhardt, Friedrich mit versonnenem Lächeln betrachtend.