Die letzten Anordnungen waren getroffen und die Männer nahe daran, aufzubrechen, als plötzlich die unmittelbar auf die Straße führende Tür des Gastzimmers aufgerissen wurde. Überrascht fuhren die Versammelten in die Höhe und blickten auf die offene Tür, in deren Rahmen sich noch immer nichts zeigte. Da erschien plötzlich auf der Schwelle eine wunderliche Gestalt, in der man nach genauem Hinschauen Mutter Lehnhardt erkannte.

Sie trug ein seltsam aufgeputztes Kleid von Lilafarbe, das ehemals kostbar gewesen sein mußte. Heute aber war sein Glanz verblichen. In nichts ähnelte es der Form, in der die Frauen zur Zeit die Kleider trugen, und die über und über zerknitterte und an manchen Stellen zerschlissene Seide ließ erkennen, daß das Kleid vielleicht Jahrzehnte unbenutzt in einer Ecke des Schrankes gehangen hatte. Den Kopf der Greisin bedeckte ein gleichfalls zerknitterter Filzhut von uralter Form, mit verblaßten, bunten Bändern, von denen zwei an den Wangen herabliefen und unter dem Kinn zu einer Schleife verknüpft waren.

Keiner der Anwesenden konnte sich entsinnen, Mutter Lehnhardt jemals anders als in einem selbstgefertigten Rock von grobem Stoff und der üblichen Jacke einfacher Dorfleute gesehen zu haben. So gekleidet, erkannte man sie schon von fern. In dem Aufputze, in dem sie aber jetzt dicht vor ihnen stand, mußten sie scharf hinsehen, um die Alte zu erkennen.

Anfangs drängte sich ein Lächeln auf manche Lippe, denn die Erscheinung forderte den Spott heraus. Das Kleid war ehedem sicherlich nicht für seine heutige Trägerin angefertigt worden, denn es war für diese einfache Frau viel zu kostbar. Man kannte die Vergangenheit der Greisin zu gut, um nicht richtig zu vermuten, daß das Kleid einstmals von einer Schloßherrin getragen wurde, und daß es später, als es nicht mehr mit der Zeit ging, verschenkt worden war. Der Schnitt erregte Kopfschütteln, und die Männer begriffen nicht, wie man an dieser Form einst hatte Gefallen finden können.

Die Anwandlung von Heiterkeit aber währte nicht lange, dann verschwand das Lächeln von den Gesichtern vor dem ernsten, ja feierlichen Ausdruck, der auf den Zügen der Greisin lag. Eine Sekunde lang blieb die schmächtige Gestalt auf der Schwelle stehen und ließ die klaren Augen flink über die Versammlung gleiten. Es schien, als wenn sie sich an der Überraschung weide. Dann griff die Hand der Alten entschlossen in das Kleid, raffte es auf, daß es nicht den Fußboden streife, und so betrat sie mit ihren gewohnten Trippelschritten die Gaststube, bis sie an dem langen Tische der Ausmarschierenden stehen blieb.

»Ei, sieh da, der Herr Max,« sprach sie, »und alle die mutigen Burschen. Will’s Gott, so sitzt Ihr nach Jahresfrist wieder so wie heute beisammen.«

Sie hielt mit eifrigem Kopfnicken inne, um alsbald lebhaft fortzufahren:

»Doch dürft Ihr nicht denken, daß ich gekommen wäre, um Eure kostbare Zeit zu verschwatzen. Aber die Erzählung geht, daß drüben im Preußischen alle, selbst der Arme zu den Kosten des Krieges sein Scherflein beitrage. Und deshalb will auch ich der guten Sache mein Opfer bringen.«

Die Greisin suchte die Tasche des Kleides und entnahm ihr ein kleines Papier, das die zitternden Finger mühsam entfalteten und legte den Inhalt dann dicht vor Max auf den Tisch. Es waren zwei goldene Ringe.

»Das sind meine einzigen Schätze,« begann sie wieder, »nehmt sie mit, Herr Max, mir können sie nichts mehr nützen. Es ist der Ring meines Seligen, den man mir, nachdem er bei Kesselsdorf gefallen war, sandte und der meinige. Jenen habe ich nun mehr als siebzig Jahre gut verwahrt gehalten, und nur wenn die alten Erinnerungen allzustark heraufstiegen, habe ich ihn hervorgeholt und mit ihm geplaudert, als ob es mein guter Mann selbst wäre. Den meinen habe ich erst heute nach dem Gottesdienst vom Finger gezogen. Bevor ich beide Ringe in das Papier schlug, habe ich sie noch einmal geküßt, sie waren ja das Unterpfand einer jungen Liebe. Nehmt sie mit, ich bitt’ Euch darum!«